Sommer 1940. Im dichten, feuchten Hochmoor des Emslands in Rhede bei Brahe, nur einen Steinwurf von der niederländischen Grenze entfernt, graben Männer einen Entwässerungsgraben. Es sind keine Freiwilligen. Es sind Strafgefangene des Emslandlagers III Brual-Rhede – politische Häftlinge, Kriminelle, Nazi-Gegner, Menschen, die das Regime aus dem Weg schaffen wollte. Ihre Arbeit ist Zwangsarbeit: das Moor trockenlegen, damit der Boden später als Acker genutzt werden kann. Die Schaufeln beißen sich in den torfigen Grund, Schicht um Schicht, bis in etwa zwei Metern Tiefe etwas trifft, was fremd und eigenartig wirkt.

Die Klinge trifft nicht auf Holz oder Stein, sondern auf etwas Schweres, Dunkles, Metallisches. Die Männer ziehen einen Brocken heraus, der in ihren Händen seltsam kühl und glatt wirkt – kein gewöhnlicher Findling, sondern etwas, das nicht hierher gehört. Etwa 19 Kilogramm schwer, länglich, fast wie ein überdimensionaler Brotlaib (22 × 19 × 13 cm). Die Wachen und Vorgesetzten sind zunächst ratlos. Doch schon bald erkennen Sachverständige, was sie vor sich haben: einen Eisenmeteorit. Ein echtes Stück aus dem Weltall, das vor Milliarden Jahren durch den Kosmos raste, die Erdatmosphäre durchbrach und – wer weiß wie lange – im Moor lag.

Der Meteorit wird „Emsland“ getauft

Heute wiegt er noch 16,1 kg, nachdem Teile für Analysen und Tausch verwendet wurden, und er liegt sicher im Geowissenschaftlichen Museum Göttingen. Meteoriten sind in Deutschland insgesamt selten, und Eisenmeteorite noch seltener. Sie sind Überreste von zerstörten kleinen Planeten, die vor 4,5 bis 4,6 Milliarden Jahren existierten. Diese Himmelskörper, oft nur 50 bis 200 Kilometer groß, wurden durch radioaktiven Zerfall so heiß, dass sie schmolzen. Das schwere Eisen-Nickel-Gemisch sank nach unten und bildete metallische Kerne – genau wie bei der Erde. Später kollidierten diese Planeten, zerbrachen, und ihre Kerne wurden zu Meteoriten, die auf anderen Welten einschlagen.

Der Brual-Meteoritenfund ist also ein versteinerter Planetenkern. Und genau hier wird es philosophisch und ein bisschen unheimlich: Sollte die Erde eines Tages zerstört werden – sei es durch eine kosmische Katastrophe –, könnten Teile ihres Kerns als Bruchstücke ins All geschleudert werden. Sie würden abkühlen, vielleicht eine neue Umlaufbahn finden, und eines Tages könnte ein Forscher auf einem anderen Planeten ein Relikt unserer Welt bergen – so wie wir hier in Rhede-Brahe ein Relikt eines längst zerstörten kleinen Planeten entdeckten.

Der Meteoritenfund ist mehr als nur ein Stück Eisen aus dem Moor. Er ist ein Überbleibsel eines Asteroiden, der vor Jahrmilliarden im All entstand, durch den Kosmos driftete, schließlich die Erdatmosphäre durchbrach und auf ungewöhnliche Weise im Emsland landete. In den Händen der Strafgefangenen im Sommer 1940 lag im Prinzip ein Stück Weltgeschichte, ohne dass sie es jemals ahnten. Vielleicht gibt es, irgendwo da draußen im All, einen Bruder dieses kleinen Planeten, auf dem längst ein Leben existiert, das wir nie kennen werden – während die Menschen in Rhede-Brahe nur ein Stück Eisen in Händen hielten. Foto: NASA

https://www.lpi.usra.edu/meteor/metbull.php?code=10035

Meteoriten-Fund im Emsland: 1940 finden Strafgefangene bei Rhede im Hochmoor einen Eisenmeteoriten

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