Offenbar ist die Stimmung in der EU gegenüber Merz gekippt. Laut Politico, die sich auf Diplomaten und Beamte beruft, bereiten sich Brüssel und mehrere Mitgliedstaaten inzwischen aktiv auf den Fall vor, dass der Kanzler zurücktritt oder zumindest innenpolitisch so eingespannt ist, dass er als europäischer Akteur ausfällt. Mindestens zwei Regierungen sollen intern schon durchgespielt haben, was ein Merz-Abgang für die EU-Politik bedeuten würde. Drei Szenarien stehen dabei im Raum: Merz bleibt, ein anderer CDU-Politiker übernimmt, oder die Koalition zerbricht ganz. Am meisten Sorge bereitet Brüssel offenbar die Vorstellung, Deutschland könnte eine Weile ohne klare Führung dastehen – oder dass die AfD am Ende die eigentliche Gewinnerin der Krise wird.
Warum es gerade jetzt brennt
Merz ist seit rund 16 Monaten im Amt, und die Bilanz ist mies. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im September holte die AfD über 43 Prozent, die CDU brach auf etwa 17 Prozent ein. Berlin und Mecklenburg-Vorpommern liefen ähnlich schlecht. Bundesweit liegt die AfD in Umfragen vor der Union, die selbst nur noch um die 18 Prozent steht – Merz‘ persönliche Zustimmungswerte kratzen gerade so an der Zweistelligkeit. Dazu kommt Zoff in der eigenen Koalition. Das ist allerdings kein reines Merz-Problem – genau daran ist schon die vorherige Ampel-Koalition zerbrochen. Es wirkt inzwischen fast strukturell, als fänden unterschiedliche Parteien in einer Koalition grundsätzlich nicht zueinander, ganz gleich wer sie anführt.
Beim Streitthema Migration zeigt sich ein gespaltenes Bild: Grenzkontrollen wurden tatsächlich verschärft, Asylerstanträge sanken im ersten Halbjahr 2026 um 35 Prozent, die Nettozuwanderung fiel 2025 um 45 Prozent. Doch wer schon im Land ist, wird kaum härter angefasst: Die Abschiebezahlen sanken im ersten Quartal 2026 sogar um ein Fünftel gegenüber dem Vorjahr, der Familiennachzug läuft nahezu unverändert weiter. Diese Widersprüchlichkeit sorgt auch in der Union selbst für Unmut; zeitweise wurde offen über einen „Kanzlertausch“ spekuliert, also einen Wechsel an der Spitze ohne Bruch der Koalition.
Was das für die EU bedeutet
Besonders heikel sind dazu die laufenden Verhandlungen über den nächsten EU-Haushalt, den Mehrjährigen Finanzrahmen (MFR) für 2028 bis 2034. Die EU-Kommission schlägt knapp 2 Billionen Euro vor; Deutschland fordert zusammen mit den Niederlanden, Schweden, Dänemark, Österreich und Finnland eine Kürzung um rund 400 Milliarden Euro – etwa ein Viertel des vorgeschlagenen Budgets. Deutschland ist dabei der mit Abstand größte Nettozahler der EU und steuert als wirtschaftsstärkstes Mitgliedsland einen erheblichen Teil des EU-Haushalts bei – entsprechend positioniert sich Berlin in den Verhandlungen. Auch die anderen genannten Länder zahlen traditionell deutlich mehr ein, als sie zurückbekommen, und haben daher ein handfestes finanzielles Eigeninteresse an einem kleineren Budget – die Niederlande etwa gehörten schon beim letzten Finanzrahmen zu den sogenannten „Frugal Four“ (Sparsame Vier). Da der Haushalt einstimmig beschlossen werden muss, können diese „Sparländer“ eine Einigung faktisch verhindern, die stark von EU-Geldern profitieren, etwa in der Agrar- und Regionalförderung. Ob nun ein geschwächter Merz aus innenpolitischem Kalkül noch härter auftritt oder ein Nachfolger denselben Kurs fährt: Für Brüssel bleibt die Haushaltsfrage so oder so ein Reizthema – gerade weil ohne Deutschlands Beiträge das gesamte Budget-Gefüge ins Wanken geraten würde.
Warum Brüssel so nervös ist
Das bekommt noch mehr Brisanz, wenn man weiterdenkt: Was, wenn nicht einfach ein anderer CDU-Politiker übernimmt, sondern am Ende die AfD an Einfluss gewinnt? Die AfD will zwar offiziell nicht aus der EU austreten, fordert aber eine weitgehende Rückverlagerung von Kompetenzen nach Berlin – weniger Mehrheitsentscheidungen, keine gemeinsamen EU-Schulden, keine EU-Armee. Für EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen wäre das ein ernsthaftes Problem: Deutschland ist der mit Abstand größte Nettozahler der EU, und verfügt dort, wo Einstimmigkeit erforderlich ist, über ein faktisches Vetorecht. Ein unkooperatives Deutschland würde Brüssel nicht nur symbolisch, sondern strukturell lähmen – gerade bei Asylpolitik, Verteidigungsprojekten und der Ukraine-Hilfe, allesamt Kernprojekte von der Leyens.
Noch ist das Theorie: Die AfD ist trotz starker Umfragewerte nicht regierungsfähig, die „Brandmauer“ der anderen Parteien steht noch, auch wenn sie zunehmend bröckelt. Realistischer wäre bei einem Merz-Abgang zunächst ein anderer CDU-Kanzler oder Neuwahlen mit ähnlichem Ergebnis. Aber genau deshalb wird in Brüssel dieses Szenario inzwischen mitgedacht – nicht weil es morgen eintritt, sondern weil ein Deutschland, das in der EU querliegt, für Brüssel ein ganz anderes Kaliber an Problem wäre als ein wackelnder, aber grundsätzlich EU-treuer Kanzler. Ob es tatsächlich zum Rücktritt kommt, ist offen – Merz selbst beteuert, im Amt bleiben und seine Reformen fortsetzen zu wollen. Dass europäische Regierungen aber überhaupt Szenarien für diesen Fall durchspielen, zeigt, wie sehr Deutschlands politische Stabilität inzwischen selbst als Risikofaktor für die Handlungsfähigkeit der EU gilt.