An sonnigen und windigen Tagen erzeugen Windräder und Solaranlagen in Deutschland regelmäßig deutlich mehr Strom, als das Land in diesem Moment verbraucht. Das Problem dabei ist im Kern simpel: Strom kann nicht einfach im Netz warten, ohne dass die Leitungen überlastet werden. Er muss in dem Augenblick, in dem er erzeugt wird, auch verbraucht werden. Ist zu viel davon vorhanden, bleibt oft nur eine Möglichkeit: Er wird an Nachbarländer verschenkt – mitunter bezahlt Deutschland sogar dafür, dass andere Staaten ihn schnell abnehmen. Nach Angaben der Bundesnetzagentur betraf das 2025 rund 3,5 Prozent der erneuerbaren Stromerzeugung.

Naheliegend wäre die Frage, warum man den überschüssigen Strom nicht einfach speichert. Technisch wäre das möglich, in der Praxis scheitert es jedoch an mehreren Punkten. Zum einen sind die benötigten Mengen gewaltig: Um den Strom Tausender Windräder über mehrere Tage oder gar Wochen zu speichern – etwa für eine sogenannte Dunkelflaute im Winter, wenn weder Wind noch Sonne liefern, bräuchte es Batterie- oder Wasserstoffspeicher in einer Größenordnung, die es weltweit in diesem Maßstab noch nicht gibt. Kleinere Lösungen wie Hausbatterien oder Quartiersspeicher können zwar eine einzelne Nacht überbrücken, sind aber zu klein, um das gesamte deutsche Stromnetz über eine mehrtägige Flaute zu tragen. Hinzu kommt, dass der Bau großer Speicheranlagen, etwa Pumpspeicherkraftwerke oder Batterieparks, teuer ist, Jahre dauert und durch Genehmigungsverfahren zusätzlich verzögert wird.

So wachsen Solar- und Windkraftanlagen deutlich schneller, als die passende Speichertechnologie hinterherkommt. Weil überschüssiger Strom weder gespeichert noch über fehlende Leitungen von Nord- nach Süddeutschland transportiert werden kann, bleibt den Netzbetreibern häufig nur die Notbremse: Windräder werden abgeschaltet. Die Betreiber erhalten dafür jedoch gesetzlich eine Entschädigung, die Allgemeinheit zahlt also jedes Jahr erhebliche Summen für Strom, der nie produziert wurde, allein weil er nicht transportiert oder gespeichert werden konnte. Der weitaus größere Teil dieser sogenannten Redispatch-Kosten entfällt allerdings nicht auf diese Entschädigungen, sondern auf das kurzfristige Hochfahren von Gas- und Kohlekraftwerken, die einspringen müssen, wenn Windstrom nicht dorthin transportiert werden kann, wo er gebraucht wird.

Sobald der Wind nachlässt und die Sonne untergeht, kehrt sich die Lage um: Der erzeugte Strom reicht nicht mehr aus. Dann müssen Gaskraftwerke einspringen, oder Deutschland kauft Strom teuer aus dem Ausland zurück – nicht selten von denselben Nachbarländern, denen kurz zuvor noch Geld angeboten wurde, damit sie den Überschuss abnehmen. Dabei handelt es sich nicht um ein technisches Versagen der Anlagen, die zuverlässig funktionieren. Es ist vielmehr das Ergebnis einer Energiepolitik, die den Ausbau von Wind- und Solarkraft mit hohem Tempo vorangetrieben hat, während Speicher, Wasserstoffinfrastruktur und leistungsfähige Stromtrassen über Jahre nicht im gleichen Maß mitwuchsen. Diese Lücke bezahlen Verbraucher bis heute über die Netzentgelte auf ihrer Stromrechnung.

 

Bundesnetzagentur-Zahlen (offizielle Basis):
Für 2025 lagen die Kosten des Netzengpassmanagements bei rund 3,1 Milliarden Euro, wobei mehr als 96 Prozent des Ökostroms die Verbraucher erreichten und 3,5 Prozent der erneuerbaren Stromerzeugung abgeregelt wurden.
https://www.energie-und-management.de/nachrichten/recht/detail/mehr-redispatchkosten-trotz-stabiler-eingriffe-357846 Energie und Management

t-online (gut verständlich, mit Hintergrund zur Nord-Süd-Problematik):
Im industriereichen Süden und Westen stehen meist konventionelle Kraftwerke, die den Strom teurer erzeugen müssen – diese Gesamtkosten aus Entschädigung und teurerer fossiler Erzeugung nennt man Redispatchkosten.
https://www.t-online.de/heim-garten/aktuelles/id_101192926/netzpaket-von-reiche-so-viel-oekostrom-wird-wirklich-abgeregelt.html T-Online

Handelsblatt (Kurzfassung derselben Zahlen):
https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/erneuerbare-energien-netzengpaesse-sorgen-fuer-abschaltungen-kosten-in-milliardenhoehe/100213136.html

BEE/Windenergie-Verband (Faktencheck-PDF mit Kostenaufschlüsselung):
Interessant: der mit Abstand größte Kostenblock lag 2025 nicht bei Wind- oder Solaranlagen, sondern bei konventionellen Redispatch-Maßnahmen mit über 1,2 Milliarden Euro, hinzu kamen 1,4 Milliarden Euro für Reservekraftwerke.
https://www.wind-energie.de/fileadmin/redaktion/dokumente/publikationen-oeffentlich/themen/04-politische-arbeit/01-gesetzgebung/20260421_Faktencheck_Redispatch.pdf BWE e.V.

control-f.io (anschaulich mit Beispiel-Zahlen zu einzelnen Netzbetreibern):
https://www.control-f.io/post/was-redispatch-kostet-und-wer-daf%C3%BCr-zahlt

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