Jährlich ereigneten sich an der ostfriesischen Küste zahlreiche Schiffsunglücke – darunter Auswandererschiffe, Frachter und kleinere Fischerboote. Dutzende Schiffe gingen pro Jahr verloren, was angesichts der zahllosen Küsten- und Fischerboote, die oft in schwerem Wetter strandeten oder sanken, historisch durchaus plausibel ist. Hunderte Menschen fanden dabei den Tod in den Wellen, denn Hilfe war selten, und wer helfen wollte, stieß auf Gleichgültigkeit oder gar auf Plünderer, die aus den Wracks Beute machten. Das Schicksal wurde fatalistisch hingenommen: „Das ist halt das Meer.“

Im November 1854 strandete das Auswandererschiff Johanne mit fast zweihundert Passagieren auf Spiekeroog in einem schweren Sturm. 84 Menschen ertranken, viele weitere überlebten nur knapp. In den folgenden Jahren bis 1861 liefen weitere 76 Schiffe an der ostfriesischen Küste auf Grund, 118 Menschen kamen dabei ums Leben. Mitten in diesem Chaos saß ein Mann, der das Leid schwer ertrug: Georg Breusing, geboren 1820 in Osnabrück, Jurist und Steuerbeamter, ab dem 1. Januar 1854 Oberzollinspektor in der Hafenstadt Emden. Ein solider Beamter mit Frau und vier Kindern – kein Abenteurer, sondern ein Mann, der Akten und Ordnung liebte. Doch die Nachrichten von den Unglücken nagten an ihm. Breusing las die Berichte, hörte die Schreie der Opfer in Gedanken.

Schon andere hatten appelliert: Weitsichtige Männer wie der Bremer Navigationslehrer Adolph Bermpohl und der Notar C. Kuhlmay hatten seit 1860 nach dem Untergang der englischen Brigg Alliance vor Borkum in Zeitungsartikeln die dringende Notwendigkeit von Rettungsstationen beschworen, getragen durch freiwillige Mitarbeit der Bevölkerung. Doch es gab zu viele Hindernisse, und die meisten Menschen nahmen Schiffsunglücke weiterhin fatalistisch hin. Die Idee, in Seenot geratenen Menschen zu helfen, gewann erst langsam an Gewicht.

In dieser Situation entschied Georg Breusing: „Wenn niemand anfängt, fange ich an.“ Am 2. März 1861 gründete er in Emden den ersten deutschen Verein zur Rettung Schiffbrüchiger: den Verein zur Rettung Schiffbrüchiger in Ostfriesland. Kein großer Staat, kein Kaiser – nur ein paar Bürger, Freiwillige, Spenden, Ruderboote und Entschlossenheit. Stationen auf den Inseln, Signale, Übungen – Breusing organisierte alles: Geld sammeln, Boote bauen, Männer trainieren.

Vier Jahre später, 1865, wuchs daraus die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) in Kiel – heute eine der renommiertesten Seenotrettungsorganisationen der Welt. Breusings kleiner Verein schloss sich 1868 an. Er selbst wurde zum Pionier: reiste zu Tagungen, übernahm Aufgaben als Revisor und Vorsteher für die ostfriesische Küste. Später, versetzt nach Bad Kreuznach, gründete er dort erneut einen Bezirksverein.

1882 starb Breusing im Alter von nur 62 Jahren. Doch sein Funke brannte weiter. Sein Name lebt bis heute auf dem Wasser: 1963 taufte die DGzRS einen Seenotrettungskreuzer auf seinen Namen – die Georg Breusing, 26 Meter Stahl, stark genug für die ungestüme Nordsee. Stationiert auf Borkum, rettete sie von 1963 bis 1988 insgesamt 1.672 Menschen. Heute liegt sie als Museumsschiff im Emder Ratsdelft, und die Promenade daneben trägt seinen Namen. Aus einem Beamten wurde ein Pionier, der indirekt bis heute Tausende Leben rettete – denn ohne seinen ersten mutigen Schritt wäre die DGzRS vielleicht viel später oder gar nicht so stark geworden.

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