Die offizielle Geschichte der modernen westlichen Welt liest sich wie ein moralisches Lehrbuch. Es ist die Erzählung von einem radikalen Bruch im Jahr 1945: Auf der einen Seite der totale Zusammenbruch der nationalsozialistischen Tyrannei, auf der anderen der strahlende Neubeginn der europäischen Demokratie, getragen von visionären Staatsmännern, die aus den Trümmern eine friedliche, vereinte Europäische Union schufen. Doch wer die historischen Linien unter der Oberfläche freilegt, stößt auf ein weitaus komplexeres, oft zynisches Geflecht aus ökonomischer Machtpolitik, personellen Kontinuitäten und transatlantischen Netzwerken. Die Welt, in der wir heute leben – geprägt von der Dominanz globaler Megabanken, dem Einfluss ungewählter Menschen in Brüssel und einer unumstößlichen transatlantischen Achse –, wurde von Männern geformt, deren Karrieren und Netzwerke die tiefsten Abgründe des 20. Jahrhunderts überspannten.
Im Epizentrum dieses Netzwerks steht ein Amerikaner, dessen Name den meisten Menschen kaum ein Begriff ist. John J. McCloy gilt in Teilen der historischen Forschung als einer der einflussreichsten Architekten der amerikanisch geprägten Nachkriegsordnung. Er war kein gewählter Politiker, kein Mann der lauten Bühne. Er war der Prototyp des „American Establishment“, ein brillanter Absolvent der Harvard Law School und ein eiskalter Machtökonom. In den 1920er und 1930er Jahren verdiente McCloy sein Geld als Top-Anwalt an der Wall Street für legendäre Kanzleien wie Cravath und Milbank. Seine Aufgabe war es, die globalen Interessen der amerikanischen Finanzelite rechtlich abzusichern. In dieser Funktion vertrat er Bankenhäuser wie JP Morgan und Co., Brown Brothers Harriman und insbesondere die Chase National Bank, das Finanzimperium der Milliardärsfamilie Rockefeller. Dieses transatlantische Kapital kennt keine ideologischen Berührungsängste. Während Adolf Hitler in Deutschland seine Diktatur errichtete, hielten führende Wall-Street-Institute die Finanzkanäle nach Berlin offen. JP Morgan & Co. hatte bereits in den Jahren zuvor über führende Banker wie Thomas Lamont die riesigen internationalen Kredite des Dawes- und Young-Plans mitorganisiert, die Deutschland wirtschaftlich sanierten.
Auch nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 vertraute man an der Wall Street darauf, dass der konservative Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht das Regime in berechenbaren Bahnen halten würde. Noch weitaus tiefere Verstrickungen wies die Chase National Bank auf. Sie transferierte im Jahr 1939 nach zeitgenössischen Berichten erhebliche Dollarbeträge nach Deutschland. Dies geschah über das von Schacht entwickelte System der sogenannten „Rückwanderer-Mark“. Die Chase Bank verkaufte in den USA diese Devisen an deutschstämmige Amerikaner, die das NS-Regime unterstützen wollten – finanziert aus dem beschlagnahmten und arisierten Vermögen vertriebener und geflohener jüdischer Mitbürger. Selbst nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Frankreich blieb die Pariser Filiale der Chase Bank geöffnet und kooperierte eng mit den deutschen Besatzungsbehörden, unter anderem bei der Sperrung jüdischer Konten.
Wall Street und das NS-Deutschland
In genau dieser Vorkriegsära bewegte sich McCloy als internationaler Wirtschaftsanwalt im inneren Zirkel der Macht. Im Sommer 1936 reiste er nach Berlin. Bei den Olympischen Spielen, die Hitler als gigantische Propagandashow inszenierte, saß McCloy als wohlhabender amerikanischer Gast in der Ehrenloge, in unmittelbarer Sichtweite des Diktators. McCloy war kein Nationalsozialist, er war ein Beobachter des globalen Marktes. Als die USA im Dezember 1941 offiziell in den Krieg eintraten, wechselte er die Seiten des Tisches und ging als Unterstaatssekretär ins US-Kriegsministerium. Fortan nutzte er sein organisatorisches Talent nicht mehr für Geschäfte mit Europa, sondern für die totale militärische Zerschlagung des NS-Staates und die strategische Planung der späteren Besatzungszone. Doch genau in dieser Phase zeigt sich eine umstrittene Entscheidung in McCloys Amtszeit: seine Reaktion auf die unumstößlichen Beweise des Holocausts im Jahr 1944. Im Frühjahr desselben Jahres gelang den jüdischen Häftlingen Rudolf Vrba und Alfréd Wetzler die spektakuläre Flucht aus Auschwitz. Ihr akribischer, erschütternder Augenzeugenbericht – der geschichtsträchtige „Vrba-Wetzler-Bericht“ – enthüllte der Weltöffentlichkeit zum ersten Mal detailliert das wahre, industrielle Ausmaß der Gaskammern und Krematorien von Birkenau.
Das Dokument landete direkt auf den Schreibtischen der alliierten Regierungen. In der Folge flehten jüdische Organisationen und die jüdische Agentur in Jerusalem die amerikanische Führung an, einzugreifen. Wenn man das Lager selbst aus Sorge vor Opfern unter den Häftlingen nicht bombardieren konnte, so solle die US-Luftwaffe wenigstens die zentralen Schienenstränge, Brücken und Weichen zerstören, über die täglich tausende ungarische Juden in den Tod transportiert wurden. Die logistischen Voraussetzungen dafür waren gegeben: Die US-amerikanische 15. Luftflotte operierte zu diesem Zeitpunkt bereits von Foggia in Italien aus und führte regelmäßig Bombenangriffe auf Industrieanlagen in der Nähe von Auschwitz-Monowitz durch. Die Schienenwege zum Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau lagen damit im Einsatzbereich der alliierten Bomber. Dennoch wurden die Bitten, das Lager oder die Zufahrtsgleise zu bombardieren, von den US-Behörden nicht umgesetzt. John J. McCloy war als Assistant Secretary of War und in die zuständigen Entscheidungsstrukturen des Kriegsministeriums eingebunden.
Gleichzeitig funktionierte die Elite der Finanzwelt über alle kriegerischen Bruchlinien hinweg weiter. Ein Beispiel hierfür ist die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) im schweizerischen Basel. Gegründet in den 1930er Jahren von westeuropäischen Zentralbanken und Wall-Street-Bankern. Nach Ansicht zahlreicher Kritiker fungierte die BIZ faktisch als internationaler Umschlagplatz für NS-Raubgold – eine Einschätzung die nach dem Krieg auch von alliierten Untersuchungskommissionen kritisch dokumentiert wurde. Unter der Leitung des amerikanischen Präsidenten Thomas McKittrick nahm die BIZ hunderte Millionen Dollar an Raubgold entgegen, das die Nazis aus den Zentralbanken besetzter Länder und von Holocaust-Opfern gestohlen hatten, und wandelte es in kriegswichtige Devisen um. Nach dem Krieg kehrte McKittrick unbehelligt nach New York zurück und wurde Vizepräsident der Chase National Bank – genau jenes Instituts, das McCloy wenig später leiten sollte. Gleichzeitig gab es Banken wie die Union Banking Corporation (UBC) in New York, die direkt vom deutschen Industriellen Fritz Thyssen, einem frühen Förderer Hitlers, kontrolliert worden war. Im Vorstand dieser Bank saß nach damaligen Quellen Prescott Bush, ein Wall-Street-Banker der damaligen Ära, bevor die Bank 1942 unter dem „Trading with the Enemy Act“ von der US-Regierung beschlagnahmt wurde.
Nachkriegsordnung
Nach einer kurzen Zwischenstation als zweiter Präsident der neu gegründeten Weltbank, wo er das Vertrauen der Wall Street für den Wiederaufbau Europas sicherte, kehrte John J. McCloy 1949 nach Deutschland zurück. McCloy setzte sich bereits früh für ordentliche Strafverfahren anstatt Standgerichte gegen die deutschen Hauptkriegsverbrecher ein und wurde so ein Wegbereiter der Nürnberger Prozesse. Als höchster Vertreter der Alliierten begnadigte er allerdings wieder 89 der verurteilten Kriegsverbrecher, was zu heftigen Kontroversen führte. Als Amerikanischer Hoher Kommissar war er nun der mächtigste Mann der neugegründeten Bundesrepublik. Seine Aufgabe war es, Westdeutschland als stabilen, demokratischen und kapitalistischen Partner im beginnenden Kalten Krieg gegen die Sowjetunion zu etablieren. Hier traf er auf Konrad Adenauer, der im September 1949 mit der denkbar knappsten Mehrheit von nur einer Stimme zum ersten Bundeskanzler gewählt worden war.
Zwischen McCloy und Adenauer entwickelte sich in kürzester Zeit ein enges Vertrauensverhältnis, das weit über das übliche diplomatische Maß hinausging. Der Schlüssel zu dieser Allianz war eine außergewöhnliche familiäre Verbindung im Hintergrund: John J. McCloy war mit Ellen Zinsser verheiratet. Konrad Adenauer hatte wiederum in zweiter Ehe Auguste „Gussie“ Zinsser geheiratet. Ellen und Gussie waren Cousinen. Der oberste amerikanische Kontrolleur und der deutsche Regierungschef waren somit über die Zinsser-Familie direkt miteinander verschwägert. Sie nannten sich privat „Cousin“ und nutzten diese informelle Verbindung, um hochpolitische Krisen und die schrittweise Rückgabe der deutschen Souveränität – etwa im Petersberger Abkommen – informell am Tisch der Familie zu besprechen. McCloy setzte Adenauer nicht als Marionette ein, aber er garantierte ihm die unumstößliche Rückendeckung der Supermacht USA, ohne die sich der rheinische Katholik niemals so schnell gegen die sozialdemokratische Opposition hätte durchsetzen können.
Kontinuität und europäische Planung
Um dieses neue Westdeutschland dauerhaft zu stabilisieren, reichte eine bloße Allianz mit Washington jedoch nicht aus. Es musste untrennbar mit seinen europäischen Nachbarn, allen voran dem Erzfeind Frankreich, verflochten werden. Hier schlägt die Stunde von Robert Schuman. Der französische Außenminister war die personifizierte Grenzregion: Geboren in Luxemburg als Sohn eines Lothringers, wuchs er komplett zweisprachig auf, besaß jahrelang die deutsche Staatsbürgerschaft und diente im Ersten Weltkrieg in der deutschen Verwaltung, bevor er nach der Rückgabe Lothringens an Frankreich zum französischen Spitzenpolitiker aufstieg.
Schuman besaß jedoch eine schmerzhafte Vergangenheit, die im Nachkriegsfrankreich eilig retuschiert werden musste. Nach dem verheerenden Einmarsch der Wehrmacht im Mai 1940 trat Schuman als Staatssekretär in der französischen Regierung ein. Am 10. Juli 1940 stimmte er im Parlament in Vichy offiziell dafür, Marschall Philippe Pétain die absolute Vollmacht zu erteilen. Damit war Schuman juristischer Geburtshelfer des kollaborierenden Vichy-Regimes, das im weiteren Verlauf des Krieges bereitwillig mit Adolf Hitler paktierte. Als Schuman jedoch gegen die rücksichtslose Germanisierung Lothringens protestierte, ließ ihn die Gestapo im September 1940 verhaften und unter Hausarrest stellen. 1942 gelang ihm die Flucht, er tauchte in Klöstern unter und unterstützte die Résistance. Nach der Befreiung Frankreichs 1945 wurde Schuman aufgrund seiner ministeriellen Vichy-Vergangenheit zunächst als Kollaborateur eingestuft und verlor alle politischen Rechte. Erst durch das persönliche Eingreifen von General Charles de Gaulle, der Schumans spätere Verdienste im Widerstand betonte, wurde er politisch wahrgenommen.
Am 9. Mai 1950 trat Schuman vor die Presse und verkündete den historisch weitreichenden Schuman-Plan. Er schlug vor, die gesamte deutsche und französische Kohle- und Stahlproduktion einer gemeinsamen, übergeordneten Behörde zu stellen. Da Kohle und Stahl die elementaren Grundstoffe jeder Rüstungsindustrie waren, sollte ein Krieg zwischen den beiden Nationen dadurch, so Schuman, „nicht nur undenkbar, sondern materiell unmöglich“ werden. Im Hintergrund unterstützte John J. McCloy diese europäische Einigung nachdrücklich. Die Amerikaner drängten massiv auf diese europäische Einigung, um die westeuropäischen Volkswirtschaften zu bündeln und den Marshall-Plan-Geldern eine Struktur zu geben. Aus diesem Plan entstand 1951 die Montanunion, das unbestreitbare Fundament der späteren Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der heutigen EU.
Von der EGKS zur Europäischen Union
Von der EGKS zur Europäischen Union Das paradoxe Element dieser Neugründung liegt in ihrer strukturellen Nähe zu Konzepten, die Ökonomen und Juristen bereits Jahre zuvor unter völlig anderen Vorzeichen ausgearbeitet hatten. Nach der Besetzung Frankreichs 1940 hatten Planer im Berliner Reichswirtschaftsministerium und im Auswärtigen Amt unter dem Namen „Europäische Großraumwirtschaft“ detaillierte Entwürfe für die Zeit nach einem deutschen Sieg vorgelegt. Angeführt von Hitlers Wirtschaftsminister und Reichsbankpräsident Walther Funk, sahen diese Pläne einen europäischen Wirtschaftsrat als zentrales Steuerungsorgan, die Abschaffung der innereuropäischen Zölle begünstigt eines riesigen Binnenmarktes sowie ein europäisches Währungssystem mit festen Wechselkursen vor. Das Ziel von Walther Funk war kein friedliches Europa, sondern die totale wirtschaftliche Unterwerfung der Nachbarstaaten unter deutscher Führung, bei der das Ausland als Rohstofflieferant und Absatzmarkt dienen sollte. Dennoch waren die rein technokratischen Instrumente – Zollunion, Marktangleichung und die Steuerung durch ungewählte Expertenräte – verblüffend deckungsgleich mit dem späteren Aufbau der europäischen Institutionen.
Die personelle Brücke verkörperte Walter Hallstein. Der Rechtswissenschaftler war während des Nationalsozialismus Mitglied im nationalsozialistischen Rechtswahrerbund sowie im NS-Dozentenbund. Nach dem Krieg machte Konrad Adenauer ihn zu seinem wichtigsten außenpolitischen Berater und er stieg 1958 zum ersten Präsidenten der EWG-Kommission auf. Er formte das Gesicht der Brüsseler Bürokratie und gilt heute in den Geschichtsbüchern als einer der offiziellen Gründerväter der Europäischen Union. Nachdem das Fundament in Europa durch den Krieg zementiert worden war, kehrte John J. McCloy 1953 nach New York zurück. Die Familie Rockefeller holte ihn plangemäß an die Spitze ihres Finanzimperiums. Er wurde Aufsichtsratsvorsitzender der Chase National Bank und fädelte 1955 deren historische Fusion zur Chase Manhattan Bank ein, der institutionellen Vorläuferin der heutigen JPMorgan Chase, eines der größten Finanzinstitute der Gegenwart.
Männer wie McCloy, Adenauer, Schuman und Hallstein waren keine Figuren in einem einfachen Gut-Gegen-Böse-Schema. Sie waren Machtpolitiker und Technokraten einer Übergangsepoche. Sie erfanden die Instrumente der wirtschaftlichen Integration nicht völlig neu, sondern reinigten sie von der völkischen Tyrannei des NS-Regimes und setzten sie auf freiwilliger, demokratischer Basis wieder zusammen. Die Sphären, die sie damals schufen, bestimmen unsere Gegenwart unverändert: Eine Europäische Union, deren mächtigste Autorität – die EU-Kommission – politisch von nicht gewählten Entscheidungsträgern in Brüssel geführt wird. Ein Finanzsystem, dessen Strukturen bis heute von den institutionellen Nachfolgern jener Wall-Street-Häuser geprägt werden; und eine transatlantische Achse, die Westeuropa unumstößlich an die strategischen Vorgaben Washingtons bindet. Das Betriebssystem der westlichen Welt wurde auf den Trümmern von 1945 installiert, modernisiert und läuft bis zum heutigen Tag.
Archiv & Lebenslauf: John J. McCloy (Amherst College)
Studie: Chase National Bank & das NS-Regime (Cambridge University Press)
Historische Debatte: Warum wurde Auschwitz nicht bombardiert? (Britannica)
Offizielles Archiv: Die BIZ im Zweiten Weltkrieg (Bank für Internationalen Zahlungsausgleich)
Biografie: Robert Schuman (Europäische Union)
Zum Nachschlagen:
Zum Vrba-Wetzler-Bericht: Rudolf Vrba: I Escaped from Auschwitz (Barricade Books, 2002)
Zur Chase Bank / Wall Street: Charles Higham: Trading with the Enemy (Delacorte Press, 1983)
Zur BIZ: Adam LeBor: Tower of Basel (PublicAffairs, 2013)
Zu Hallstein: Wilfried Loth: Walter Hallstein – Der vergessene Europäer? (Europa Union Verlag, 1995)
Zu Schuman: Raymond Poidevin: Robert Schuman (Imprimerie Nationale, 1986)