Die Herausforderung
Anfang der 1990er-Jahre bekam Haartsen bei Ericsson eine Aufgabe: Geräte sollten drahtlos miteinander kommunizieren können – Kopfhörer mit dem Handy, Computer mit Peripheriegeräten – ohne lästige Kabel, ohne komplizierte Einrichtung und vor allem zuverlässig und energiesparend. Haartsen war nicht allein. Von Beginn an stand er in einem Team, das gemeinsam an der Lösung tüftelte. Besonders wichtig war Sven Mattisson, der 1995 zu ihm stieß. Gemeinsam mit weiteren Ingenieuren bei Ericsson entwickelten sie die Kerntechnik. Parallel arbeiteten auch Teams bei Nokia an ähnlichen Ideen. Statt gegeneinander anzutreten, entschieden sich die Unternehmen irgendwann, zusammenzuarbeiten.
Das Problem war: Das 2,4-Gigahertz-Band, in dem solche Funkverbindungen arbeiten, war schon damals total überfüllt. Signale von WLAN, Mikrowellen, anderen Geräten und sogar Nachbar-WLANs prallten ständig aufeinander. Informationen gingen verloren, Verbindungen brachen ab. Es war wie ein überfüllter Marktplatz, auf dem alle gleichzeitig schrien. Statt gegen die Störungen anzukämpfen, fanden sie einen eleganten Weg: Sie wichen ihnen aus – und zwar extrem schnell und koordiniert. Die Lösung hieß Frequency Hopping: Das Signal springt bis zu 1600 Mal pro Sekunde zwischen 79 verschiedenen Frequenzen hin und her. Sender und Empfänger bleiben dabei perfekt synchronisiert, sodass sie sich nie verlieren, auch wenn ringsherum das Chaos tobt. Wie zwei Menschen in einem lauten, vollen Raum. Sie können nicht einfach lauter reden. Stattdessen wechseln sie blitzschnell den Platz und finden immer genau den kurzen Moment, in dem der andere sie klar versteht – ohne dass sie sich jemals aus den Augen verlieren. In Emmen wurde diese Technik robuster und reif für den Alltag. Hier trug Haartsen mit seinem Team dazu bei, Bluetooth für die breite Nutzung vorzubereiten.
Vom Wikinger zum Namen
Der passende Name kam 1997/98 von Jim Kardach bei Intel. Er schlug „Bluetooth“ vor – nach dem dänischen König Harald Blauzahn (Harald Gormsson) aus dem 10. Jahrhundert. Harald war bekannt dafür, verfeindete Stämme und Regionen zu einem starken Reich zu vereinen. Er brachte Menschen an einen Tisch, die vorher gegeneinander gekämpft hatten. Genau wie die neue Technik unterschiedliche Geräte und Hersteller zusammenbringen sollte. 1998 gründeten fünf Unternehmen die Bluetooth Special Interest Group (SIG): Ericsson, Nokia, Intel, Toshiba und IBM. Haartsen wurde Vorsitzender der Gruppe, die die Funk-Protokolle standardisierte. Das Logo aus zwei alten nordischen Runen symbolisiert bis heute diese Verbindung.
Für Jaap Haartsen und sein Team war es zunächst „nur“ die Lösung eines technischen Problems. Erst Jahre später wurde klar, wie groß die Auswirkungen sein würden. Heute kommunizieren Milliarden Geräte lautlos miteinander: Kopfhörer streamen Musik direkt ins Ohr. Smartwatches tauschen Daten mit dem Smartphone aus. Autos sprechen mit Sensoren und anderen Fahrzeugen. Tastaturen, Lautsprecher, medizinische Geräte – alles ist miteinander verknüpft. Es ist die Tatsache, dass Haartsen selbst lange nicht begriff, wie sehr seine Idee die Welt verändern würde. Für ihn war es ein technisches Problem, das gelöst werden musste – nicht der Beginn einer globalen Revolution. In all diesen unsichtbaren Gesprächen zwischen den Geräten lebt die Idee eines Jungen, der einfach nur wissen wollte, wie Strom fließt.