Das deutsche Rentensystem besteht seit über 130 Jahren. Es hat nicht nur Rentnern ein Auskommen gesichert, sondern die gesamte Gesellschaft verändert. Früher mussten viele Kinder geboren werden, um im Alter versorgt zu sein. Mit der Rente sank die Geburtenrate kontinuierlich.Dieses System ist ein Umlagesystem. Die Beiträge, die heute gezahlt werden, fließen direkt an die aktuellen Rentner. Man erwirbt damit Ansprüche auf spätere Rentenleistungen aus den dann laufenden Beitragseinnahmen. Dieses Modell hat zwei Weltkriege, Währungsreformen und schwere Inflationen überstanden. Sparguthaben und private Versicherungen können bei starken Währungs- oder Finanzkrisen hingegen erheblich an Wert verlieren.
Die Rentenversicherung ist im Grundgesetz verankert. Ein schwerer Fehler im System ist jedoch die Beitragsbemessungsgrenze. Sie ist im ursprünglichen sozialstaatlichen Konzept der Nachkriegsordnung nicht in dieser Form angelegt, sondern wurde später als gesetzgeberische Regelung eingeführt. Diese Grenze deckelt die möglichen Rentenansprüche nach oben. Selbst freiwillig kann man keine weiteren Anteile erwerben. Wer mehr will, muss auf private Versicherungen ausweichen – genau das, was Politik und Medien seit Jahrzehnten (z. B. mit der Riester-Rente) propagieren.
Kapitalgedeckte private Versicherungen sind Spar- und Anlageprodukte. Sie investieren Beiträge in Kapitalmärkte und andere Vermögenswerte. Die Verwaltungskosten, Gehälter und Vertriebskosten werden dabei aus den laufenden Beiträgen gedeckt. Dabei entstehen auch Einnahmen durch Gebühren, Verwaltungs- und Vertriebskosten, die den Versicheren zufließen. Kommt es zu starker Inflation oder einem schweren Finanz- oder Währungsschock, können auch solche Anlagen stark an Wert verlieren. Das Umlagesystem läuft dagegen weiter, solange Menschen arbeiten und Beiträge zahlen – wie es die Kriege und die Nachkriegszeit bewiesen haben.
Genau an dieser Stelle stellt sich die logische und berechtigte Frage
Warum soll ich eigentlich noch in die gesetzliche Rente einzahlen, wenn Kanzler Merz sie offen nur noch als Basisabsicherung bezeichnet – also als bloßen Schutz vor dem Schlimmsten, der nicht mehr den Lebensstandard sichert? Merz will den Generationenvertrag in seiner bisherigen Form neu definieren. Die gesetzliche Rente soll künftig nicht mehr ausreichen, um gut zu leben. Wer „Butter auf dem Brot“ haben möchte, soll privat vorsorgen. Das gilt natürlich nicht für Politiker, Abgeordnete und Beamte – die behalten ihre privilegierten Versorgungssysteme. Für Otto Normalverbraucher, der am Monatsende oft nichts mehr übrig hat, ist das eine bittere Ansage. Die gesetzliche Rente wird automatisch an Löhne und Inflation angepasst. Bei privater Vorsorge trägt man das gesamte Inflations- und Marktrisiko allein.
Merz macht damit den privaten Versicherungsgesellschaften das größte Geschenk seit Langem. Ähnlich wie schon frühere Regierungen in kleinerem Stil. Viele sehen darin einen klaren Verstoß gegen den Geist des Grundgesetzes – vergleichbar mit anderen umstrittenen Entscheidungen der letzten Jahre. Trotz einer enormen Steigerung der Produktivität seit den 1950er Jahren – um ein Vielfaches – sollen die Menschen länger und mehr arbeiten. Das passt nicht zusammen und lässt das System zunehmend antisozial wirken. Von der „Sozialen Marktwirtschaft“ ist kaum noch etwas übrig.
Die Wurzel des Übels bleibt die Beitragsbemessungsgrenze. Würde diese angepasst oder abgeschafft, würden auch höhere Einkommen stärker in die Sozialkassen einzahlen, die Beitragssätze könnten sinken und die Finanzierung breiter verteilt werden. Doch genau das wird offenbar nicht gewollt. Stattdessen betreibt die Regierung Flickschusterei, die keine wirkliche Zukunftsperspektive bietet. Wer solche Pläne verfolgt, sollte sich dringend an seinen Amtseid erinnern. Das gesamte System der Bundesrepublik braucht eine grundlegende Renovierung: bessere Bezahlung für produktive Berufe statt für Bürokratie, Reformen bei der Steuerlast, damit auch normale Einkommen etwas für die Vorsorge übrig haben, und vor allem ein Geldsystem, das Inflation dauerhaft begrenzt. Historische Beispiele zeigen, dass stabile Währungen über lange Zeiträume möglich sind. Solange das nicht geschieht, bleibt die Frage vieler Bürger berechtigt: Warum soll ich weiter einzahlen, wenn das System zunehmend belastet wird und in Richtung ungleicher Verhältnisse driftet – mit Altersarmut für die einen und Absicherung für die anderen?