Dezember 2015, ein Abend an der Ems. Der Frachter Emsmoon rammt die Friesenbrücke bei Weener, und von Europas damals größter Eisenbahn-Klappbrücke bleibt wenig übrig. Die Bahnstrecke zwischen Leer und Weener ist damit gekappt, und der Zugverkehr nach Groningen bricht ab. Der Plan danach klang nach dem, was man einen Routinefall nennt: gleichwertiger Ersatz, rund 28 Millionen Euro, fertig. Auch das Bundesverkehrsministerium und die DB Netz hielten diesen Weg für wirtschaftlich.

Es kam anders. Das Land Niedersachsen, die Kommunen und die Meyer-Werft aus Papenburg wollten mehr Platz für die Schiffe, und dafür hatten sie gute Gründe. Wer an der Ems Kreuzfahrtschiffe baut, braucht eine Brücke, die ihm nicht im Weg steht. Eine breitere Durchfahrt kostete aber mehr: Die DB Netz schätzte die größeren Varianten auf rund 48 Millionen Euro und eine längere Bauzeit. Der Bund entschied sich schließlich für eine Drehbrücke mit größerer Durchfahrtsbreite. Dann stellte die DB Netz fest, dass dafür auch die Vorlandbrücke vorzeitig ersetzt werden musste, und die Schätzung stieg auf 66 Millionen Euro. Aus dem schnellen Ersatz war ein Großprojekt geworden, und es hörte nicht auf zu wachsen.

Beim ersten Spatenstich im Juli 2021 stand die Zahl 125 Millionen im Raum, ein Jahr später waren es rund 200 Millionen. Im Sommer 2023 einigten sich das Land Niedersachsen, die DB Netz und die Kommunen Weener und Westoverledingen auf eine Aufteilung der Kosten. Das Land übernimmt 12,6 Millionen Euro, darin enthalten sind 6,1 Millionen für den Rad- und Gehweg. Den weitaus größten Teil trägt der Bund über die Bahn.

Am 1. Oktober 2026 stellte der Bund der Steuerzahler sein Schwarzbuch „Die öffentliche Verschwendung 2026/27“ vor und führt die Friesenbrücke dort unter dem Titel „Teurer Dreh an der Ems“. Die Kosten liegen demnach bei mindestens 277 Millionen Euro, nach der Rechnung des Verbands knapp das Zehnfache des ursprünglich geplanten Ersatzes. Als Gründe nennt er Sonderwünsche vor Ort sowie aufwendige Planungs- und Genehmigungsverfahren. Sein Hauptvorwurf: Vor der Entscheidung für die große Lösung habe es keine Wirtschaftlichkeitsrechnung für die verschiedenen Brückenvarianten gegeben. Ein Nutzen wurde also behauptet, aber nicht nachgewiesen.

Zehn Jahre Umweg

Für die Menschen vor Ort bedeutete die Dauer des Projekts vor allem eines: Umwege. Auf der Strecke zwischen Leer und Weener fahren seit Dezember 2015 Busse statt Züge. Als vorübergehende Lösung ersetzte die Friesenfähre die Brücke, bis sie im Spätsommer 2025 ihren Betrieb einstellte. Seit dem 5. September 2025 queren Fußgänger und Radfahrer die Ems wieder, was in Weener und Westoverledingen gefeiert wurde. Im August 2026 begannen Testfahrten der Bahngesellschaft Arriva, nun folgt der reguläre Zugverkehr. Mit der „Wunderline“ rückt Groningen wieder an Bremen heran. Vor der Unterbrechung dauerte die Fahrt 2:43 Stunden, künftig soll sie unter zweieinhalb Stunden liegen, nach der zweiten Ausbaustufe sogar unter 2:15. Mit dem Auto braucht man ohne Stau rund zwei Stunden. Der Fahrgastverband kritisiert dennoch, in elf Jahren Bauzeit sei zu wenig passiert.

Die Friesenbrücke dient der Werft, der Schifffahrt, dem grenzüberschreitenden Bahnverkehr und dem Radweg zugleich und ist damit mehr wert als der ursprüngliche Ersatz. Ob sie aber knapp 250 Millionen Euro mehr wert ist, lässt sich mit einem Federstrich nicht beantworten. Wer den Wert eines Bauwerks erst nach dem Bau beziffern kann, hat vor dem Bau entweder nicht gerechnet oder nicht rechnen wollen. Das ist die eigentliche Lehre von Weener, und sie gilt weit über die Ems hinaus.

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