Bei der Suche nach einem Endlager für den deutschen Atommüll bleibt Niedersachsen nach Einschätzung des Landesbergbauamtes potenziell geeignet. „Nach den bisherigen Erkenntnissen kann man davon ausgehen, dass bei den Standortregionen, die 2027 von der Bundesgesellschaft für Endlagerung verkündet werden, Niedersachsen dabei sein wird“, sagte der Präsident des Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG), Carsten Mühlenmeier, der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“. Deutschland muss noch ein Lager für rund 27.000 Kubikmeter hochradioaktiven Atommüll finden, der über mehr als 60 Jahre Atomkraft angefallen ist. Die BGE grenzt die infrage kommende Fläche immer weiter ein: Im November 2025 waren noch rund 25 Prozent Niedersachsens im Rennen.
Mit Blick auf die geologischen Verhältnisse hält Mühlenmeier Niedersachsen durchaus geeignet. „Wir haben Salz und Ton in einer Mächtigkeit, die schon relativ gut ist“, sagte der Landesamtspräsident der HAZ. Diese Realität sei in weiten Teilen der Bevölkerung noch nicht ganz angekommen, so Mühlenmeier. Oberflächlich klingt es, als gäbe es nur diesen Grund: Salzstöcke. Salz gilt als dicht, stabil und langfristig sicher. Niedersachsen hat davon viele, Bayern weniger. Doch Salz allein erklärt nicht, warum immer wieder die gleichen Regionen im Norden ausgewählt werden.

Wer sich in Niedersachsen umschaut, erkennt die Konzentration: Gorleben, Asse II, Schacht Konrad – fast alles landet in Niedersachsen. Auch die Gemeinde Hilter warnt vor möglichen Endlagerplänen in der Region Emsland. Historisch spielen politische Entscheidungen, atomwirtschaftliche Infrastruktur und Machtverhältnisse eine zentrale Rolle. Gorleben wurde in den 1970ern politisch bestimmt, nicht wissenschaftlich – dünn besiedelt, strukturschwach, politisch leicht durchsetzbar. Niedersachsen war außerdem Zentrum der Atomindustrie: AKWs, Forschungsanlagen, Bergbau – wo Müll entsteht, bleibt er zunächst vor Ort. Andere Bundesländer, etwa Bayern oder Hamburg, haben sich früh klar gegen Lagerstandorte gewehrt. Konsequenter Protest, aber auch politische Einflussnahme, sorgten dafür, dass diese Länder kaum in den engeren Standortprüfungen auftauchen – während Niedersachsen häufiger „kooperierte“.
Hinzu kommt ein oft übersehener Faktor: materielle Anreize und Förderungen. Bundes- und Landespolitik haben in der Vergangenheit Regionen mit Atomanlagen wirtschaftlich unterstützt, etwa durch Infrastrukturprojekte, Arbeitsplätze oder Forschungsgelder. Diese Praxis hat den Widerstand in betroffenen Regionen abgeschwächt und erklärt teilweise die hohe Kooperationsbereitschaft Niedersachsens – ein Effekt, der in anderen Bundesländern wie Baden-Württemberg oder Hamburg weniger ausgeprägt war.
Das Ergebnis
Jahrzehntelang konzentrierte Lasten auf wenige Regionen, kombiniert mit Projekten, die immer wieder Sicherheitsfragen aufwarfen. Die Menschen vor Ort – wie in Hilter – werden erst frühzeitig informiert, wenn die Endlagersuche praktisch vor der Tür steht. Mit einem neuen Gesetz soll die Endlagersuche bundesweit offen und fairer werden. Die Skepsis in Orten wie Hilter ist nachvollziehbar – schließlich sind viele Bundesländer längst aus dem Rennen. Niedersachsen ist nicht nur wegen Salzstöcken im Fokus. Es ist die Gemisch aus Geologie, Geschichte, politischer Opportunität und wirtschaftlichen Anreizen, die den Norden immer wieder trifft.
Gerechte Endlagersuche ist schwer, aber notwendig. Auch in Bayern wird grundsätzlich auch nach Endlagerflächen gesucht, allerdings bisher ohne nennenswerte Standortregionen – obwohl Geologie wie Granit und Ton theoretisch geeignet wäre, verhindert politischer Widerstand, öffentliche Gegenwehr und die dichte Besiedlung eine praktische Umsetzung. Es kann aber nicht sein, dass ein einziges Bundesland seit Jahrzehnten die Last des gesamten Atommülls der Republik trägt.