In den chaotischen Monaten nach dem Mauerfall 1989 wurden zwei der einflussreichsten Figuren der deutschen Wirtschaft brutal aus dem Leben gerissen – beide enge Vertraute von Bundeskanzler Helmut Kohl. Alfred Herrhausen und Detlev Rohwedder standen an der Spitze von Finanz- und Wirtschaftspolitik in einer Zeit, die das Schicksal eines ganzen Landes entschied. Beide Attentate schrieb man der Roten Armee Fraktion (RAF) zu. Die Täter? Bis heute, 2026, nie gefasst, nie verurteilt. Was wäre gewesen, wenn diese beiden Männer überlebt hätten? Hätte die Wende einen anderen Weg genommen? In wenigen Wochen jährt sich zum 35. Mal der Todestag von Detlev Rohwedder – und rückt die dunkle Seite politischer Gewalt und ungeklärter Verbrechen erneut ins Rampenlicht.

Alfred Herrhausen: Der visionäre Banker und sein gewaltsamer Tod

Geboren 1930 in Essen, stieg Alfred Herrhausen 1988 zum Vorstandssprecher der Deutschen Bank auf. Mit starkem Fokus auf Industrie- und Energiefragen trieb er ab den 1970er-Jahren den Wandel der Bank zur globalen Universalbank voran – einschließlich des damals expandierenden Investmentbankings. Doch Herrhausen war mehr als ein Banker. Ab Herbst 1987 trat er öffentlich für einen Schuldenerlass hochverschuldeter Entwicklungsländer ein. Die Kreditlasten reduzieren, um das globale Finanzsystem vor dem Kollaps zu bewahren. Sein Vorstoß löste weltweite Debatten aus – und machte ihn zum Pionier. Gleichzeitig öffnete er Türen zu wirtschaftlichen Kooperationen mit der Sowjetunion und Osteuropa: Kredite, Marktzugang, echte Partnerschaften. Er verkehrte in elitären Kreisen wie der Bilderberg-Konferenz und hatte Einfluss.

Herrhausen wollte der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow spürbar helfen – nicht nur mit Krediten, sondern durch eine grundlegende Neugestaltung Europas.Seine Haltung lässt sich in eine Tradition deutscher Realpolitik einordnen, wie sie etwa mit Otto von Bismarck verbunden wird. Deutschland als ausgleichende Kraft in Europa, die durch enge Partnerschaften mit Russland (damals Sowjetunion) Stabilität und Frieden sichert – statt in eine einseitige Abhängigkeit von westlichen Mächten zu geraten.

Seine Idee war massive wirtschaftliche Unterstützung für die Sowjetunion, nach dem Vorbild seines Mexiko-Plans für Entwicklungsländer, erweitert auf den Osten. Dazu eine enge deutsch-sowjetische Zusammenarbeit, die Gorbatschows Reformen stützen und einen friedlichen Wandel ermöglichen sollte. Und schließlich die Vision eines neuen Europas: ein vereintes, multipolares Europa von Lissabon bis Moskau – eine Friedens- und Wirtschaftsordnung, in der Deutschland eine zentrale Brückenrolle einnimmt, nicht nur als transatlantisch eingebundener Partner, sondern als eigenständiger Gestalter.

Während Henry Kissinger und Teile der Reagan- sowie Bush-Administration Herrhausens massive Kredite und Kooperation mit der Sowjetunion als riskant und naiv kritisierten – weil sie die UdSSR zu lange am Leben erhalten und eine NATO-Schwäche verhindern könnten –, brandmarkten RAF und Linksextreme ihn genau deswegen als Symbol des imperialistischen Kapitals,  und bis heute gibt es aufgrund ungeklärter Tatmotive Spekulationen über mögliche Beteiligung von Geheimdiensten, da ein starkes deutsch-sowjetisches Bündnis die US-Dominanz in Europa nach 1989/90 hätte gefährden können. Belegt werden konnten sie nie.

Am 30. November 1989 – nur Wochen nach dem Mauerfall – explodierte in Bad Homburg eine Bombe unter Herrhausens gepanzertem Mercedes. Eine präzise geformte Hohlladung schoss ein Kupferprojektil durch die Panzerung. Herrhausen starb am Tatort, sein Chauffeur überlebte schwer verletzt. Die RAF bekannte sich: Ein Zettel mit Emblem und „Kommando Wolfgang Beer“ lag am Ort. Fünf Tage später folgte das detaillierte Schreiben: Herrhausen als Symbol des „imperialistischen Kapitals“. Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Kanzler Kohl kondolierten. Bis 2026: ungelöst. Die „dritte RAF-Generation“ bleibt verdächtig – ohne Verurteilungen.

Detlev Rohwedder: Der Sanierer der DDR und der Schatten des SED-Vermögens

Geboren 1932, kam Detlev Karsten Rohwedder aus der Stahlindustrie. Ab August 1990 leitete er als Präsident die Treuhandanstalt (THA) – die gigantische Aufgabe: Privatisierung und Reorganisation des volkseigenen Vermögens der DDR. Die THA kontrollierte zunächst rund 8.500 Gesellschaften mit vier Millionen Beschäftigten, später bis zu 14.600 Unternehmen. Rohwedder schätzte den Wert zunächst auf etwa 600 Milliarden DM. Sein Ansatz: Umstrukturieren – privatisieren, sanieren, nur wo unvermeidbar schließen. Mit Blick auf bestehende Betriebe und Arbeitsplätze. Er wollte eine unternehmerisch-betriebswirtschaftliche THA mit schnellen Entscheidungen ab 1990/91. Zentral: Die Jagd nach dem vermissten SED-Vermögen. Die SED und Blockparteien hatten sich unrechtmäßig bereichert – Beteiligungen an Firmen, Verlagen, Infrastruktur. Schätzungen: bis zu 800 Millionen DM, versteckt in Auslandskonten oder Unternehmen. Rohwedder war mittendrin; seine Witwe Hergard bestätigte später, er sei „relativ dicht dran“ gewesen. Die THA sollte dieses Vermögen aufspüren und in die Privatisierung einfließen lassen.

Am 1. April 1991, Ostermontag, fielen Schüsse in Düsseldorf. Ein Scharfschütze traf Rohwedder aus über 60 Metern Entfernung, während er am Schreibtisch saß. Er war sofort tot. Die RAF bekannte sich: Rohwedder als „brutaler Sanierer“ und „Bonner Statthalter“, verantwortlich für die Zerstörung der DDR-Wirtschaft. Bis 2026 bleibt der Fall ungelöst und kein Täter wurde verurteilt.

Gemeinsamkeiten und die Fragen, die bleiben

Beide hatten Schlüsselrollen in der Wende: Herrhausen im Finanzsystem, Rohwedder in der wirtschaftlichen Integration der DDR. Ihre Morde fielen in die Phase größter Umbrüche – die THA allein kostete Millionen Jobs, weil viele DDR-Betriebe marode waren. Die RAF-Bekennungen gelten als authentisch, doch die Präzision der Anschläge wirft Schatten. Die Suche nach dem SED-Vermögen unter Rohwedder zeigt die Dimension: Milliarden illegaler Gelder. Bis heute fehlen finale Antworten – die Fälle bleiben Symbole unvollendeter Aufklärung.

Wohin floss das Geld aus den verkauften DDR-Firmen?

Die Treuhand privatisierte bis Ende 1994 rund 12.000 bis 14.000 Unternehmen und Betriebsteile aus mehr als 8.500 volkseigenen Betrieben und Kombinaten. 85 Prozent gingen an westdeutsche Investoren und Unternehmen. Etwa 10 Prozent an ausländische Käufer, nur rund 5 Prozent an ostdeutsche. Die wirtschaftliche Kontrolle landete damit überwiegend außerhalb Ostdeutschlands. Die niedrige Quote ostdeutscher Übernahmen lag nicht an mangelndem Interesse, sondern an fehlendem Kapital und erschwertem Kreditzugang. Unter den ausländischen 10 Prozent, rund 844 Unternehmen, dominierten französische, britische, österreichische, schweizerische und US-amerikanische Investoren. Briten engagierten sich vor allem in Energie, Chemie und Bergbau.

Mit dem Tod von Herrhausen und Rohwedder verschwanden zwei Männer, die die Richtung der Wende mitgestalten hätten können. Herrhausen im Finanzsystem, Rohwedder in der Treuhand – beide hätten bremsen, lenken oder anders gestalten können und sie wollten in vielen Punkten andere Wege gehen. Nach ihnen übernahmen andere: schnelle Verkäufe, harte Schnitte, wenig Rücksicht auf soziale Folgen. Kredite für hochverschuldete Länder? Fehlanzeige. DDR-Betriebe retten? Meist egal. Rohwedder hätte die fehlende Kapitalausstattung ostdeutscher Käufer vermutlich nicht ignoriert, sondern als strukturelles Problem behandelt – mit mehr Zeit, Übergangslösungen und Beteiligungsmodellen, statt mit einem gnadenlosen Stopp der Privatisierung.

Die Treuhand setzte ihren Kurs durch. Westdeutsche Investoren diktierten die Regeln. Die ostdeutsche Bevölkerung trug die Last: Milliarden verschoben sich, Jobs verschwanden, ganze Strukturen zerbrachen – und niemand musste je Rechenschaft ablegen. Ob die Morde eine abschreckende Wirkung auf andere Entscheidungsträger hatten, lässt sich nicht beweisen. Doch die gezielte Eliminierung zweier zentraler Akteure aus dem engsten Umfeld der Bundesregierung wirft eine bohrende Frage auf: Hat das den Handlungsspielraum in dieser entscheidenden Phase nicht nur eingeengt – sondern die Weichen für die Wende unwiderruflich in eine Richtung gestellt, die bis heute wirkt?

 

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Herrhausen https://en.wikipedia.org/wiki/Alfred_Herrhausen

https://www.spiegel.de/wirtschaft/mit-milliarden-nach-sibirien-a-6e397520-0002-0001-0000-000013528894 https://www.deutschlandfunkkultur.de/grenzoeffnung-1989-schuldenfalle-sozialismus-100.html https://thomas-riegler.net/2024/09/30/der-banker-und-die-bombe

 https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Herrhausen (Abschnitt zu Schuldenkrise) https://www.spiegel.de/wirtschaft/bresche-geschlagen-a-ae25f66c-0002-0001-0000-000013496121 https://taz.de/Schuldenerlass-zwischen-Hauptgang-und-Sorbet/!1797723

https://www.db.com/files/documents/2022/01-JAN/Alfred-Herrhausen–Denken-Ordnen-Gestalten–Um-Freiheit-und-Offenheit.pdf

 https://www.ardmediathek.de/serie/herrhausen-der-herr-des-geldes/staffel-1/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL2hlcnJoYXVzZW4/1 https://de.wikipedia.org/wiki/Herrhausen_%E2%80%93_Der_Herr_des_Geldes https://www.degeto.de/film/herrhausen-der-herr-des-geldes

 https://de.wikipedia.org/wiki/Treuhandanstalt https://www.bundesfinanzministerium.de/Web/DE/Ministerium/Geschichte/4-Fragen-Detlev-Rohwedder/4-fragen-zu-detlev-rohwedder.html https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/513279/zwoelf-thesen-zu-wirtschaftsumbau-und-treuhandanstalt

 https://erinnerungsdebatten.de/debatten/vermoegen-bundestag-1989-1990 https://krautreporter.de/politik-und-macht/3018-die-treuhand-verstandlich-erklart

 https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/196955/vor-30-jahren-ermordung-von-alfred-herrhausen https://www.tagesschau.de/inland/raf-morde-101.html https://www.spiegel.de/kultur/tv/der-mordanschlag-im-zdf-ueber-raf-anschlag-auf-detlev-karsten-rohwedder-a-1236734.html

 https://de.wikipedia.org/wiki/Das_RAF-Phantom https://www.amazon.de/Das-RAF-Phantom-Wirtschaft-Terroristen/dp/3426800101

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