Welch untragbare Einladung!
Was für eine absurde Einladung! Würde er sie heute aussprechen, würde ihn ein Shitstorm heimsuchen – alle Menschen! Alle? Mit welcher Hautfarbe oder welchem Glauben auch immer, SPD, Grüne, CDU, Links oder AfD – alle dürfen kommen. Wirklich alle! Dieser Mann muss wahnsinnig gewesen sein! Dann schwurbelte Jesus ständig so etwas wie: „Der Friede sei mit Euch“, anstatt Streumunition und Phosphorbomben zu fordern, damit junge Menschen auf andere junge Menschen schießen, die sich gar nicht kennen, um alte Männer und ihre Interessen zu verteidigen, die sich kennen.
Überhaupt fragt man sich, wer dieser Jesus überhaupt war. Könnte es sein, dass Jesus nur eine Erfindung, eine gute Story auf bunten Kirchenfenstern war? „Über die Details wird seit Jahrhunderten debattiert“, so Eric Meyers, Archäologe und Professor für Judaistik an der Duke University. „Aber kein seriöser Akademiker bezweifelt, dass es die historische Person gegeben hat.“ Nun ja, selbst daran kann man zweifeln, aber nicht daran, dass Weihnachten gefeiert wird – und zwar auf Grundlage dessen, was uns von Jesus bekannt ist.
Aber wer war dann dieser merkwürdige Freak? „Die Wahrheit wird Euch freimachen“, predigte er. Das Wort „Wahrheit“ kann nur eine Verschwörungstheorie sein. Er käme von Gott, sagte er, sei sogar sein Sohn! Er stellte sich mit allen Menschen auf eine Stufe, aß und trank gemeinsam mit ihnen – mit allen! Geimpft oder ungeimpft, Mann, Frau oder divers – und das ohne 2G-Bändchen, die einst Experten von was auch immer forderten. Er heilte, tat Wunder, behandelte Taube, Blinde und sogar Leprakranke – ohne Abstand. Ach du Heiliger!
Es war auch kein Moderator in Sicht, der nervös auf dem Stuhl rumrutschte, seine Beine kreuzte und die Augenbrauen hochzog, mit gekonnt kritischem Blick: „Wer sind Sie?“ schleimte. Mit einer Stimme, die ein wenig an einen Autoverkäufer erinnert. Allerdings hatte Jesus eine Talkshow auch gar nicht nötig. Denn er posaunte nun wirklich in den letzten Winkel dieser Erde: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ Er allein. Was für eine besorgniserregende Aussage! Ein Größenwahnsinniger. Oder ein mutiger Mensch, der die Verantwortung für das Gesagte ganz allein trug und Geldwechsler aus dem Tempel jagte.
Leider hat auch Gottes Bodenpersonal mehr als versagt
Jesus – der es schaffte, ein Erbe für die ganze Welt zu hinterlassen, das mit der Kirche eigentlich nichts zu tun hatte – damals nicht, aber ganz sicher nicht mit der heutigen Kirche, die sich während der Corona-Zeit panisch einschloss, Sterbende allein ließ, das Singen verbot und mit lächerlichen Bändchen die Bänke abtrennte, als wäre der Heilige Geist ein Superspreader und „Impfen ist Liebe“ predigte. Heute hört man auf dem Kirchentag: ‚Jesus sei queer.‘ Eine kreative Zuschreibung, denn über Jesus’ Sexualität wissen wir historisch nichts – und sie war für seine Botschaft wohl auch nicht entscheidend.
Der Mann aus Nazareth würde heute vermutlich sofort als der größte Querdenker der Weltgeschichte wahrgenommen werden – sollte er irgendwo wieder auftauchen und dasselbe sagen wie damals. Ein Mann, der im tiefen Glauben an Liebe und Wahrheit die Eliten seiner Zeit herausforderte und sich über alle gängigen Regeln und Grenzen hinwegsetzte. Genau diese Haltung würde ihn in unserer polarisierten Gesellschaft schnell in eine bestimmte Ecke stellen. Und doch: Selbst wenn man ihn so etikettieren würde, wäre er vermutlich auch nicht bei denen zu Hause, die sich heute ‚Querdenker‘ nennen. Denn auch diese würde er bis zum Umfallen nerven.
Denn er hat nicht nur die Eliten kritisiert, sondern auch seine eigenen Anhänger zurechtgewiesen. Nicht „meine Wahrheit gegen deine“, sondern „die Wahrheit wird euch frei machen“ – und zwar alle. Alle. Dieses Wort war für alle Mächtigen in allen Epochen ein Albtraum. Vielleicht die wirklich gefährlichste Botschaft unserer Zeit: Nicht noch mehr Spaltung. Denn das Schlimmste an diesem wunderlichen Sonderling war ja nicht, dass er so etwas daherfaselte – das konnte man abtun oder bekämpfen. Nein, das wirklich Bedrohliche für die Herrschenden war, dass die Menschen ihm folgten. Dass seine Worte nicht nur geredet, sondern gelebt wurden und plötzlich Menschen zusammenbrachte, die man lieber trennte.
Er sprach mit allen, teilte Brot mit allen – mit Bettlern, Prostituierten, Gelehrten, Müttern und Vätern. Eine durch und durch hirnrissige, systemgefährdende Idee von diesem wirren Mann! Wie sollte man denn so die Kontrolle behalten, wenn jeder mit jedem redet? Wie gefährlich war das denn? Irgendwie musste man diese Typen unbedingt loswerden! So schlug man ihn ans Kreuz – und wusch sich hinterher feige die Hände in Unschuld, sicherheitshalber, falls dieser komische Kauz denn dann doch Gottes Sohn gewesen sein sollte. Er wusste, dass seine Anhänger nach seinem Tod schweren Zeiten entgegensehen würden. So sagte er: „Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden.“
Wir sollten den Mann mit der allergrößten moralischen Haltung der Weltgeschichte nicht ganz vergessen.
Danke für diesen Artikel. Besser hätte man den Zustand der Gesellschaft nicht zusammen fassen können. Schreiben sie mehr, es gefällt mir, aufschlussreich. Gruß Tamara