Herr Nehe, Sie kandidieren für den Stadtrat Papenburg und sind im Ortsverband Emsland Nord der Grünen aktiv. Die Grünen setzen sich in Papenburg und im Emsland für genau diese Themen ein: mehr Dachbegrünung und Baumpflanzungen gegen Starkregen und Hitze, den Ausbau erneuerbarer Energien wie Wind und Solar mit echter Bürgerbeteiligung, den Schutz von Tieren und Natur, aber auch für soziale Gerechtigkeit, Gleichstellung und eine starke Demokratie vor Ort. So steht es zumindest in Ihrem Wahlprogramm, das sich um viele Umweltmaßnahmen kümmert.
Es stimmt, dass ich mich politisch engagiere und auch großes Interesse daran habe, für den Stadtrat zu kandidieren. Entscheiden kann und werde das aber nicht ich selbst. Bei uns Grünen bestimmen die Mitglieder auf einer Aufstellungsversammlung, wer einen Listenplatz bekommt und wer am Ende für den Stadtrat nominiert wird. Das ist ein zutiefst demokratischer Prozess innerhalb der Partei, und ich finde es absolut richtig, dass darüber die Mitglieder an der Basis entscheiden.
Inwiefern kann die Stadt Papenburg, die stark von der Meyer-Werft und der Industrie lebt, von den Umweltmaßnahmen profitieren?
Papenburg kann von Umweltmaßnahmen wirtschaftlich ganz konkret profitieren, wenn wir Klimaschutz als vorausschauende Standortpolitik verstehen. Für eine Industrie- und Werftstadt heißt das vor allem: bezahlbare Energie, mehr regionale Wertschöpfung und mehr Resilienz gegenüber Energiekrisen und Klimafolgen. Der Ausbau von Wind- und Solarenergie stärkt unseren Standort, weil Unternehmen und Bürger langfristig von stabileren und möglichst günstigen Energiekosten profitieren können.Dazu kommt die Wärmewende als echte Chance für Papenburg und das Umland. Gerade für die hochentwickelten Gartenbaubetriebe in und um Papenburg liegen hier große Potenziale: Mit erneuerbaren Energien, intelligenter Wärmeversorgung und perspektivisch auch der Nutzung von Wärme aus der Ems können wir den Wirtschaftsstandort langfristig absichern und zukunftsfest machen. Das ist nicht nur gut fürs Klima, sondern auch ein handfester Wettbewerbsvorteil für unsere regionalen Betriebe.
Auch Maßnahmen wie mehr Bäume, Entsiegelung oder Dachbegrünung sind kein Selbstzweck: Sie helfen aktiv gegen Hitze und Starkregen und vermeiden Schäden, die für Bürger, Unternehmen und die Stadt am Ende teuer werden. Mein Ansatz ist deshalb klar: Klimaschutz darf kein Belastungsthema sein, sondern muss Papenburg wirtschaftlich stärken und für die Zukunft sicherer machen.
Gleichzeitig sagen viele Bürger, dass sie vor allem steigende Mieten und Lebenshaltungskosten beschäftigen. In Papenburg sind die Mieten in den letzten zwei Jahren um 4 bis 5 % gestiegen – bei gleichbleibender Kaufkraft. Wie wollen die Grünen konkret dafür sorgen, dass Familien mit Kindern hier noch eine bezahlbare 3- oder 4-Zimmer-Wohnung finden können?
Die steigenden Mieten und Lebenshaltungskosten beschäftigen viele Familien völlig zu Recht. Wer in Papenburg arbeitet und Kinder hat, muss sich eine 3- oder 4-Zimmer-Wohnung auch künftig ohne Existenzsorgen leisten können. Für uns Grüne ist deshalb klar: Bezahlbares Wohnen ist eine soziale Frage, die ganz oben auf die kommunale Agenda gehört.Konkret heißt das für mich: Die Stadt muss jede baupolitische Möglichkeit nutzen, damit bei neuem Wohnraum nicht nur im oberen Preissegment gebaut wird, sondern gezielt bezahlbare und familiengerechte Wohnungen entstehen. Zudem müssen Planungs- und Genehmigungsverfahren verlässlich und zügig ablaufen, damit das Bauen nicht durch unnötige Bürokratie zusätzlich verteuert wird.
Genauso wichtig ist der Blick auf die Nebenkosten. Viele Familien leiden aktuell nicht nur unter der Kaltmiete, sondern massiv unter den hohen Energie- und Alltagskosten. Deshalb gehören für mich bezahlbares Wohnen, energieeffiziente Gebäude, eine gute Infrastruktur und kurze Wege im Alltag untrennbar zusammen. Mein Anspruch ist, dass Familien mit normalem Einkommen in Papenburg nicht das Gefühl haben müssen, aus ihrer eigenen Stadt herausgedrängt zu werden.
Wie planen die Grünen, Maßnahmen wie Dachbegrünung oder den Ausbau von PV-Anlagen in Papenburg zu finanzieren, ohne die kommunalen Steuern oder Gebühren zu erhöhen – insbesondere angesichts knapper Haushalte? Eine Dachbegrünung kostet zwischen 3.000 und 10.000 € für ein normales Hausdach; eine Förderung gibt es bisher nicht.
Ich würde die Frage anders stellen: Wir sollten uns nicht fragen, ob wir uns Umweltmaßnahmen leisten können, sondern ob wir es uns erlauben können, diese wichtigen Zukunftsinvestitionen nicht zu tätigen. Gerade bei der Photovoltaik sieht man doch: Es lohnt sich wirtschaftlich. Wer eigenen Strom erzeugt, kann damit künftig nicht nur Gebäude versorgen, sondern auch Wärmepumpen und E-Mobilität klug mitdenken. Strom wird in Zukunft in fast allen Lebensbereichen noch wichtiger werden. Deshalb ist der Ausbau erneuerbarer Energien keine Last, sondern ein echter Beitrag zu mehr Unabhängigkeit und langfristig zu mehr Wirtschaftlichkeit für jeden Einzelnen.
Die Aufgabe der Stadt ist dabei natürlich nicht, allen alles zu bezahlen. Aber sie kann als Vorbild vorangehen, eigene öffentliche Gebäude ausrüsten und private Investitionen erleichtern – durch gute Beratung, transparente Informationen, unbürokratische Verfahren und sinnvolle Anreize.Bei Dach- und Stadtbegrünung geht es außerdem nicht nur um klassische Umweltpolitik, sondern ganz konkret um Klimafolgenanpassung, ein besseres Stadtbild und lebenswerte Innenstädte. Mehr Grün kühlt bei Hitze, nimmt Wasser bei Starkregen wie ein Schwamm auf und macht unsere Stadt insgesamt widerstandsfähiger. Das ist eine öffentliche Aufgabe, weil am Ende die gesamte Gemeinschaft davon profitiert.
Bitte nicht falsch verstehen, ich mag Igel: Warum priorisieren Sie Themen wie Igelschutz vor Mährobotern oder den Verzicht auf Feuerwerk, obwohl Bürger sich im Emsland wegen Mieten und Infrastrukturproblemen sorgen? Wie stellen Sie sicher, dass diese sehr konkreten Alltagsprobleme genauso Priorität bekommen wie Natur- und Artenschutzthemen?
Ich finde, man sollte diese Themen nicht künstlich gegeneinander ausspielen. Natürlich haben Starkregen, Hochwasser und eine intakte Infrastruktur für die Menschen im Alltag eine existenzielle Priorität – und genau mit diesem Fokus muss Kommunalpolitik auch handeln. Aber zugleich gehört zu einem verantwortungsvollen Umgang mit unserer Heimat auch, dass wir auf bedrohte Arten Rücksicht nehmen. Das ist keine Gängelei, sondern eine Frage des Maßes und des Respekts vor der Natur, mit der wir zusammenleben.
Ich glaube nicht, dass es für die meisten Menschen zu viel verlangt ist, im eigenen Garten oder im Alltag ein kleines Stück Rücksicht auf die Artenvielfalt zu nehmen, indem man Mähroboter beispielsweise nicht nachts laufen lässt. Entscheidend ist aber, dass die Politik bei all diesen Maßnahmen verhältnismäßig bleibt und die großen, drängenden Alltagsprobleme der Bürger niemals aus dem Blick verliert.
Wie messen Sie den Erfolg Ihrer Ziele beim Windenergie-Ausbau mit Bürgerbeteiligung? Die neugegründete Energiegenossenschaft Papenburg verlangt mindestens 250 € pro Anteil. Bei einem Einkommen von 1.500 € netto und Mieten von 800 bis 1.000 € bleibt für viele kaum Geld übrig. Wie sollen diese Menschen trotzdem bei der Windenergie mitentscheiden? Wie sichern die Grünen echte Mitbestimmung für Geringverdiener?
Den Erfolg beim Windenergie-Ausbau messe ich nicht allein daran, wie viele Anlagen gebaut werden, sondern vor allem daran, welchen konkreten Nutzen sie für die Menschen und die Wirtschaft in Papenburg stiften. Für mich reicht es nicht, einfach nur Flächen auszuweisen und den Strom anonym ins Netz einzuspeisen. Wir müssen viel stärker vom tatsächlichen Bedarf her denken: Wo brauchen unsere Betriebe, der wärmeintensive Gartenbau oder die Meyer-Werft in Zukunft verlässlich und bezahlbar Energie? Wo benötigen wir intelligente Wärmenetze, bezahlbare Energie für Schwimmbäder oder Ladeinfrastruktur für E-Autos und E-Lkw? Und wie verbinden wir Windkraft, Solar, Speicher und Wärmeversorgung so, dass vor Ort der maximale Mehrwert entsteht und systemische Lösungen sowohl Bürgerinnen und Bürger als auch die Betriebe spürbar entlasten?
Genau darin liegt die riesige Chance für Papenburg: mehr regionale Wertschöpfung, hohe Versorgungssicherheit, geringere Abhängigkeit von fossilen Weltmärkten und langfristig sichere Rahmenbedingungen für Arbeitsplätze und Investitionen. Wer heute noch auf fossile Brennstoffe als vermeintlich bequeme Dauerlösung setzt, plant die nächsten Abhängigkeiten und Kostenexplosionen doch schon ein – das ist weder wirtschaftlich klug noch zukunftsfest. Das kann Papenburg besser.
Dass das keine theoretische Debatte ist, zeigt beispielsweise eine Spedition aus dem Nachbarlandkreis: In einem Beitrag für die Tagesschau hat der emsländische Unternehmer Nanno Janssen sehr deutlich gemacht, dass Betriebe vor allem einen schnellen Ausbau der Erneuerbaren, starke Stromnetze, Speicher und echte Planungssicherheit brauchen – und keine rückwärtsgewandten, fossilen Antworten. Genau darum geht es mir. Bürgerbeteiligung ist wichtig, aber sie darf sich nicht darin erschöpfen, dass einige wenige Anteile kaufen können. Echte Beteiligung bedeutet, dass Papenburg als Ganzes profitiert: durch eine gestärkte lokale Wirtschaft, mehr Resilienz und dauerhaft günstige, saubere Energie vor Ort. Papenburg könnte hier eine echte Vorreiterrolle einnehmen, wenn wir die richtigen Konzepte umsetzen und als Stadt konsequent alle Menschen mitnehmen.
Herr Nehe, die Grünen setzen sich in Papenburg stark für Gleichstellung und Demokratieförderung ein und betonen den Kampf gegen Rechtsextremismus. Laut Polizei- und Verfassungsschutzberichten gibt es in der Region jedoch kaum entsprechende Straftaten oder Strukturen. Warum hat dieses Thema hier dennoch eine so hohe Priorität?
Ich würde das Thema in Papenburg weder dramatisieren noch kleinreden. Papenburg ist eine bunte, lebendige Stadt, die seit jeher von Zuwanderung und Internationalität geprägt ist. Viele erfolgreiche Betriebe der Region, beispielsweise im Gartenbau, sind ganz gezielt mit Arbeitskräften von außerhalb aufgebaut worden. Auch die enorme wirtschaftliche Entwicklung rund um die Meyer-Werft war und ist immer darauf angewiesen, dass Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen und Herkünften hier friedlich leben und arbeiten.
Gerade deshalb ist eine aktive Demokratieförderung so wichtig für den sozialen Zusammenhalt, für echte Teilhabe und ein respektvolles Miteinander im Alltag. Dazu gehört für mich untrennbar auch eine starke, lebendige Gedenk- und Erinnerungskultur vor Ort, wie sie beispielsweise durch das Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Emslandlager geleistet wird. Wer die eigene Geschichte kennt und ernst nimmt, stärkt das demokratische Bewusstsein in der Gegenwart. Das ist das Fundament unserer Stadtgesellschaft, und das müssen wir schützen.
Herr Nehe, wenn Sie morgen früh aufwachen und plötzlich als Stadtrat in Papenburg eine Million Euro extra im Haushalt hätten – nur für ein einziges Projekt, das den Menschen hier wirklich spürbar hilft: Was würden Sie als Erstes damit machen und warum?
Ich würde diese Million nicht in ein isoliertes Einzelprojekt stecken, sondern als Anschubfinanzierung für einen verbindlichen „Papenburg-Plan“ nutzen, der unsere größten Zukunftsaufgaben strategisch zusammenführt: bezahlbare Energie, die Wärmewende, wirksame Klimaanpassung und eine zukunftsfähige wirtschaftliche Standortentwicklung.Das bedeutet, dass wir zuerst die entscheidenden Potenziale sauber identifizieren müssen: Wo entstehen in den nächsten Jahren die größten Strom- und Wärmebedarfe? Wo lassen sich erneuerbare Energien, moderne Speicher, Wärmenetze, Starkregenvorsorge und Stadtgrün besonders wirksam miteinander verknüpfen? Und welche konkreten Teilprojekte bringen den Menschen und Betrieben in Papenburg den schnellsten, spürbarsten Nutzen und machen unsere Stadt noch lebenswerter?
In Papenburg haben die ganz großen Entwicklungsschritte historisch immer dann hervorragend funktioniert, wenn man nicht nur Stückwerk und Flickschusterei betrieben, sondern mit einem klaren, mutigen Gesamtplan gearbeitet hat. Genau das brauchen wir heute wieder: die richtigen Kompetenzen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Bürgerschaft an einen Tisch holen, klare Prioritäten festlegen und dann zügig in die Umsetzung gehen. Wir würden das Geld also nicht nach dem Gießkannenprinzip verteilen, sondern gezielt dort investieren, wo Papenburg dauerhaft robuster, wirtschaftlich stärker und für alle Generationen lebenswerter wird.