In den nebligen Ostercappeln bei Osnabrück wurde im Januar 1812 ein ungewöhnlicher Junge geboren: Ludwig Windthorst. Kleinwüchsig, fast blind und schwerhörig – auf den ersten Blick alles andere als ein Held. Doch hinter seinem unscheinbaren Äußeren verbarg sich ein scharfer Verstand und ein unerschütterlicher Wille, der eines Tages den mächtigsten Mann Deutschlands herausfordern sollte: Otto von Bismarck.
Windthorst wuchs in einer katholischen Juristenfamilie auf, lernte das Gesetz und den Wert von Gerechtigkeit kennen. Schon früh zeichnete sich sein politisches Talent ab. Er wurde Minister im Königreich Hannover und als Abgeordneter des Wahlkreises Meppen in den Norddeutschen Reichstag gewählt. Dort, im tiefkatholischen Emsland, wählten ihn die Bauern und Handwerker immer wieder mit überwältigender Mehrheit. Nachdem Hannover 1866 von Preußen annektiert wurde, fand sich Windthorst auf der Bühne des preußischen Parlaments als Gegenspieler Otto von Bismarcks wieder. Die Stellung der Katholiken innerhalb des Deutschen Reiches hatte sich durch außen- und innenpolitische Konflikte wesentlich verschlechtert, da sie von den protestantischen Eliten als national unzuverlässig und kulturell rückständig gesehen wurden.
Die päpstliche Unfehlbarkeit
1870 gründete sich die Zentrumspartei, die politische Stimme der Katholiken im neuen, preußisch-protestantisch dominierten Deutschen Reich – und Windthorst wurde ihr Kopf. In diesem Jahr geschah etwas, das die politische Landschaft für immer verändern sollte: Das Erste Vatikanische Konzil verkündete die päpstliche Unfehlbarkeit. Für Bismarck war das ein rotes Tuch. Plötzlich sah der Kanzler in jedem deutschen Katholiken einen möglichen Agenten Roms – ein Drittel der Bevölkerung, das dem Papst mehr gehorchen könnte als dem Kaiser oder dem Reichstag.
Bismarck wollte das Reich souverän machen, frei von römischem Einfluss. Er brach 1872 die diplomatischen Beziehungen zum Vatikan ab und begann den berüchtigten Kulturkampf, eine Serie von Gesetzen, die die katholische Kirche unter staatliche Kontrolle bringen sollten. Predigten gegen den Staat wurden strafbar, Priester wurden aus Schulen verbannt, kirchliche Trauungen waren nun freiwillig und das Eherecht übernahm der Staat, der Jesuitenorden wurde verboten, und staatliche Zahlungen an Bistümer und Priester wurden gestrichen, sodass viele Pfarreien vor dem Ruin standen.
Bismarck war überzeugt, dass er die katholische Kirche isolieren und das Reich von Rom lösen könnte. Doch er hatte die Rechnung ohne Windthorst gemacht. Der Mann aus Ostercappeln erwies sich als unerbittlicher Gegenspieler. Im Reichstag hielt er Reden, die präzise, ironisch und vernichtend waren – und Bismarck in Rage versetzten. Der Kanzler nannte ihn später halb wütend, halb respektvoll „den gefährlichsten Mann im Reichstag“. Windthorst hielt das Zentrum zusammen und vereinte Katholiken unterschiedlichster Herkunft: Liberale, Konservative, Adelige, Arbeiter – alle geeint im Glauben.
Milderung der Kulturkampfgesetze
1886 trieb die Auseinandersetzung auf einen unrühmlichen Höhepunkt zu. Als die preußische Regierung damit begann, in den Provinzen Westpreußen und Posen lebende Polen des Landes zu verweisen, meldete Windthorst entschiedenen Widerstand an. Die Zentrumspartei blockierte Gesetze und wurde zur stärksten oder zweitstärksten Fraktion im Reichstag. Ohne Zugeständnisse konnte Bismarck kaum noch regieren. Der „eiserne Kanzler“ tobte, schimpfte über Windthorst als „welfischen Demagogen“ und „Feind des Staates“.
Doch Windthorst ließ sich nicht einschüchtern. Ab 1878/79 musste Bismarck in Teilen nachgeben. Er brauchte das Zentrum für Schutzzölle und für die Sozialistengesetze. Denn unter Bismarck wurde die SPD 1878 stark eingeschränkt: Versammlungen, Vereine und Zeitungen der Partei wurden verboten, die Abgeordneten selbst konnten jedoch weiter im Reichstag wirken. Trotz der Repression wuchs die Partei weiter und blieb eine bedeutende politische Kraft im Kaiserreich. Wegen oder trotz der Einschränkungen durch die Sozialistengesetze konnte die SPD (damals SAP) ihre Stimmenzahl bei Reichstagswahlen von 1881 bis 1890 deutlich von ca. 312.000 auf über 1,4 Millionen steigern. Auch die Verhandlungen mit dem neuen Papst Leo XIII. führten zu einer Milderung der Kulturkampfgesetze: Zahlungen an Bistümer flossen wieder, Bischöfe durften wieder ernannt werden. Der Kulturkampf scheiterte, die Kirche blieb geistlich unabhängig – doch das Reich hatte immer noch keine formale Vereinbarung mit Rom.
Ludwig Windthorst starb am 14. März 1891, fast genau ein Jahr nach dem Ende des aktiven Kulturkampfes, und seine Beerdigung wurde staatlich groß gefeiert, was für einen katholischen Politiker im preußisch-dominierten Reich alles andere als selbstverständlich war. Bismarck, der noch lebte, reagierte darauf mit Empörung und verbaler Attacke. Die Berliner Zentrumszeitung „Germania“ spitzte die Ironie noch zu: „Windthorst ist gestorben und lebt, Bismarck lebt und ist tot.“ – eine rhetorische Spitze, die auf Windthorst’ moralische und politische Unsterblichkeit anspielte, während Bismarcks starres Machtdenken und kalte Härte hier als „veraltet“ oder innerlich schon „tot“ dargestellt wurde. Möchte man beide Politiker heute nach Sympathiewerten messen, würde die Einschätzung wohl zugunsten Windthorsts ausfallen. Während Bismarck mit seiner Verkörperung der Ambivalenz von Tradition und Moderne heute als überragender deutscher Staatsmann des 19. Jahrhunderts gilt, ist Windthorst eher in Vergessenheit geraten – obwohl auch seinem politischen Wirken große Anerkennung gebührt. Wenn Otto von Bismarck überhaupt einen parlamentarischen Widersacher und Opponenten hatte, den er ernst nahm, dann war es vermutich Ludwig Windthorst.