Das am südöstlichsten Zipfel der Provinz Groningen gelegene Dorf Ter Apel ist der breiten Öffentlichkeit meist nur für seine Grenzlage bekannt. Doch am ersten vollen Septemberwochenende wandelt sich das Bild der friedlichen Gemeinde schlagartig. Das Areal rund um das historische Kloster Ter Apel verwandelt sich dann in den Schauplatz einer der bedeutendsten Reenactment-Veranstaltungen der nördlichen Niederlanden und des angrenzenden deutschen Emslands. Das Festival unterscheidet sich in einem entscheidenden Punkt von den zahlreichen Wandermärkten der Szene, denn hier bildet kein künstlicher Parkplatz und keine moderne Stadthalle den Hintergrund. Stattdessen dient das Originalbauwerk aus dem Jahr 1465, das einzige noch weitgehend erhaltene spätmittelalterliche Kreuzherrenkloster im ländlichen Teil der Niederlande, als reale und lebendige Kulisse für das viertägige Treiben.
Im Mittelpunkt der Veranstaltung steht das Bestreben, das Leben im späten Mittelalter so authentisch wie möglich abzubilden. Entlang der alten Klostermauern sowie auf den weitläufigen Waldwiesen schlagen Hunderte Darsteller aus verschiedenen europäischen Ländern ihre Feldlager auf. Diese Gruppen reisen aus den Niederlanden, Deutschland, Belgien und sogar Skandinavien an, um für ein Wochenende komplett in den Alltag des 15. Jahrhunderts einzutauchen. Für die Besucher bietet sich dadurch ein detaillierter Einblick in das historische Handwerk und das damalige Lagerleben. Vor den Augen des Publikums wird nach überlieferten Methoden geschmiedet, Stein gemeißelt, Leder verarbeitet, Wolle mit natürlichen Pflanzenstoffen gefärbt und auf historischen Öfen gekocht. Die Darsteller legen großen Wert darauf, Fragen zu ihrer Ausrüstung, ihrer Kleidung und den wissenschaftlichen Grundlagen ihrer Darstellungen ausführlich zu beantworten, was dem Event einen starken Bildungscharakter verleiht.
Historische Rezepturen
Ergänzt wird das Lagerleben durch einen umfangreichen Spezialitäten- und Handwerkermarkt, der sich durch die Alleen rund um den Klosterkomplex schlängelt. Zahlreiche Händler bieten Waren an, die von handgefertigten Töpferarbeiten und Schnitzereien bis hin zu historischer Kleidung, Replikaten von Rüstungsteilen und traditionellem Schmuck reichen. Auch das kulinarische Angebot hebt sich von gewöhnlichen Volksfesten ab, da vorrangig Speisen serviert werden, die sich an historischen Rezepturen orientieren, ergänzt durch Spezialitäten wie Met, Kirschbier und frisch im Holzofen gebackenes Fladenbrot.
Neben dem Markt- und Lagerbetrieb wird den Besuchern ein durchgehendes Rahmenprogramm auf mehreren Aktionsflächen geboten. Auf einer eigens eingerichteten Arena finden mehrmals täglich Schaukämpfe und militärische Vorführungen statt. Hier demonstrieren durchtrainierte Kämpfer in schweren Plattenpanzern die Fechtkunst des Spätmittelalters, während Kanoniere und Bogenschützen die Funktionsweise historischer Belagerungs- und Distanzwaffen vorführen. Für die musikalische Untermalung sorgen wandernde Spielleute, Barden und Musikgruppen, die auf nachgebauten Instrumenten wie Drehleier, Sackpfeife und Davul traditionelle Melodien und Tänze präsentieren. Auch Familien mit Kindern wird viel geboten, da Mitmach-Stationen wie Bogenschießen, Armbrustschießen und betreute Fechtübungen fest im Programm verankert sind.
Ein besonderer Höhepunkt der Veranstaltung ist der Samstagabend, an dem sich die Atmosphäre auf dem Gelände spürbar verändert. Sobald das reguläre Tagesprogramm ausläuft und die Dämmerung einsetzt, schaltet das Event in einen entspannten Abendmodus um. Das Areal wird von Fackeln, Fettlampen und zahlreichen Lagerfeuern erleuchtet. Der Marktbereich bleibt für Besucher geöffnet, und an den verschiedenen Schenken finden sich Darsteller und Gäste zusammen, um bei Live-Musik und Gesprächen den Tag ausklingen zu lassen. Wer den Besuch des Festivals voll auskosten möchte, verbindet den Rundgang über das Außengelände zudem mit einer Besichtigung der Innenräume des Klosters, da der Eintritt in das Museum während des Eventwochenendes häufig im Ticket enthalten oder stark vergünstigt ist. So entsteht eine vielschichtige Großveranstaltung, die Geschichte, Kultur und Unterhaltung ohne kitschige Show-Effekte auf hohem Niveau verbindet.