Immer häufiger liest man perfekte, korrekte Texte – glatt, sachlich – aber tot. Kein Zorn, keine Freude, kein Schmerz. Alles sauber, alles harmlos, so soll es sein. Denn die Sprachregelung ist auch im Internet unterwegs. Sie lauert in Form von Community-Richtlinien, Algorithmen und selbsternannten Wächtern der Moral, die jeden Satz auf potenzielle „Probleme“ prüfen. Kaum noch jemand traut sich, unbequem zu sein oder Dinge beim Namen zu nennen, aus Angst vor Cancel Culture. Politische Korrektheit hat sich von einem lobenswerten Ideal – Respekt vor anderen – zu einem Korsett entwickelt, das jede Nuance erstickt. Am besten ist es, man lässt Texte oder Videos direkt die KI schreiben, denn dann ist eins zumindest sicher: Man eckt nicht an.
Früher war nun wirklich nicht alles besser – aber die Sprache war echt: unvollkommen, kantig, lebendig. Man erinnere sich nur an die Briefe von Vincent van Gogh an seinen Bruder Theo – voller Leidenschaft, Zweifel und roher Emotionen, die heute vielleicht als „toxisch“ oder „triggernd“ abgestempelt würden. Oder an die Pamphlete von Voltaire, die die Gesellschaft aufrüttelten, ohne Rücksicht auf Empfindlichkeiten. Sprache konnte provozieren, bewegen – sie war ein Werkzeug der Veränderung durch viele Jahrhunderte, ein Spiegel der Meinungen. Heute entscheiden nicht mehr die Leser, ob ein Text gut ist. Es entscheiden Vorgaben von Plattformen wie Twitter (oder X), Facebook und LinkedIn, Redaktionen und Algorithmen, die Inhalte priorisieren, die „sicher“ sind. Wer emotional schreibt, gilt schnell als „überzogen“ oder „unprofessionell“, und Wahrheiten gelten als unbequem. Überzogen, unbequem – im Vergleich zu was? Zu den perfekt neutralen Texten, die niemanden mehr berühren, die wie Pressemitteilungen klingen und in der Masse untergehen?
Immer mehr Meldestellen und Moderationssysteme sortieren nicht nur das aus, was strafbar ist, sondern auch das, was subjektiv als „unangemessen“ empfunden wird. Aber wer bestimmt, was unangemessen ist? Ein sarkastischer Kommentar, eine pointierte Kritik – schon landet man in der Grauzone. Texte sollen sachlich sein – doch sachlich heißt hier oft: gefühllos. Es ist so, als ob wir eine Welt bauen, in der Konflikte vermieden werden, indem man sie einfach nicht anspricht. Wie ein Kind, das sich die Augen zuhält und glaubt, man sieht es nicht. Damit verliert sich auch die Fähigkeit, echte Emotionen zu erkennen und zu verarbeiten. In einer Gesellschaft, die von Social Media dominiert wird, wo jeder Post potenziell viral gehen und Karrieren gefährden kann, wählen viele den Weg des geringsten Widerstands: Sie schreiben, was erwartet wird, nicht was sie denken oder fühlen oder kritisieren möchten.
Lebendigkeit in der Sprache ist auch ein Teil der Vergangenheit

Ohne Lebendigkeit in der Sprache wäre Goethe nie bekannt geworden und Faust nie geschrieben worden. Denn bei Wolfgang hätte um sechs Uhr morgens vermutlich jemand gestanden, mit Vorwürfen wie „Ihre Metaphern sind zu aggressiv“ oder „Das könnte Leser verunsichern“. Wie die Reden von Martin Luther King, die mit Feuer und Visionen die Welt veränderten. Diese Werke wären in unserer heutigen Filterblase ziemlich sicher zensiert worden, bevor sie je das Licht der Welt erblickten. Man kann sich fast sicher sein, dass weder ein Goethe noch ein King sich in eine Fernsehsendung gestellt hätte, um gemeinsam zu üben, das Wort „Schokokuss“ auszusprechen, um niemanden zu verletzen. Um dann festzustellen, dass viele Menschen, die es betrifft, sich gar nicht verletzt fühlen, sondern stolz sind auf die alten Begriffe ihrer Kultur, die von heutigen Sprachregelungen als weniger passend bewertet werden.
Die Entmenschlichung der Texte und der Sprache hat Konsequenzen für unsere Kultur und unser Denken. Wenn alles glatt und einheitlich wird, verliert die Sprache ihre Kraft, Unterschiede zu überbrücken oder neue Ideen in die Welt zu bringen. Kreativität stirbt in der Uniformität. Wir werden zu Konsumenten von Inhalten, die nicht fordern, nicht kritisieren, nicht inspirieren, nicht nachdenklich machen, sondern nur bestätigen. Eine Welt, in der Sprache nur noch funktional ist, verliert jeglichen Zauber, behindert die Entwicklung von Ideen und den Lernprozess.