Ende Januar 2026 stehen die deutschen Gasspeicher nur noch bei etwa 36–37 Prozent Füllstand. Das ist einer der niedrigsten Werte zu Jahresbeginn seit der Energiekrise. Täglich verlieren die Speicher 0,7 bis 0,8 Prozentpunkte, was Tausende Gigawattstunden entspricht. Experten warnen seit Langem vor einer kritischen Marke von etwa 20 Prozent: Unterhalb dieses Bereichs sinkt der Druck in Kavernen- und Porenspeichern deutlich, sodass die technisch mögliche Entnahmerate stark zurückgeht. Die Speicher verlieren dann zunehmend ihre Funktion als Flexibilitätsreserve; die Gasabgabe wird unzuverlässiger und wirtschaftlich ineffizient. Dabei handelt es sich nicht um eine willkürliche politische Grenze, sondern um eine physikalisch bedingte Größenordnung, deren genaue Auswirkungen je nach Speichertyp variieren.
Viele hielten eine solche Situation lange für unwahrscheinlich. In Politik, Medien und Klimadebatte wurde über Jahre hinweg davon ausgegangen, dass der Klimawandel tendenziell mildere Winter, kürzere Heizperioden und damit einen sinkenden Gasbedarf mit sich bringen würde. Diese Annahmen wirkten beruhigend – weniger Frost, geringerer Verbrauch, geringerer Druck auf die Speicher. Der Winter 2025/26 zeigt nun jedoch das Gegenbild: deutlich niedrigere Temperaturen als in den Vorjahren, dauerhaft hohe Heizlasten und ein entsprechend stark anziehender Gasverbrauch.
Hinzu kommt der Wegfall des russischen Pipeline-Gases seit 2022
Deutschland hatte sich bereits vor den Explosionen politisch gegen eine Inbetriebnahme von Nord Stream 2 entschieden und nach Beginn des Ukrainekriegs jede Wiederaufnahme russischer Gaslieferungen ausgeschlossen, um keine indirekte Finanzierung des Krieges zu ermöglichen. Die Pipelines selbst wurden im September 2022 durch Unterwasser-Explosionen zerstört. Deutsche Ermittlungsbehörden gehen nach Medienberichten von einer gezielten Sabotage aus, bei der Akteure mit ukrainischem Hintergrund eine Rolle gespielt haben könnten; eine abschließende gerichtliche Bewertung steht jedoch weiterhin aus. Stattdessen setzt Deutschland auf teures LNG, vor allem aus den USA. Die USA sind inzwischen mit Abstand der größte Lieferant: 2025 kam der überwiegende Teil der deutschen LNG-Importe aus den USA, europaweit lagen die US-Lieferungen 2025 bei über 80 Milliarden Kubikmetern. Die Mengen sind hoch – teilweise auf Rekordniveau –, und dennoch sinken die Speicher weiter.
Warum passiert das, obwohl theoretisch genug LNG ankommen müsste?
Die Antwort liegt in mehreren Faktoren. Erstens verbraucht Deutschland bei der aktuellen Kältewelle deutlich mehr Gas als in den milden Vorwintern. Zweitens wurden die Speicher im Sommer und Herbst 2025 nicht ausreichend aufgefüllt – nur etwa 75 Prozent zum Winterstart, ein historisch niedriger Wert. Gründe dafür sind hohe LNG-Preise, geringe Gewinnmargen für Speicherbetreiber und fehlende starke staatliche Anreize, die Speicher zwangsweise oder subventioniert voll zu pumpen. Drittens gibt es immer derzeit logistische Probleme bei den LNG-Schiffen: Die extreme Kältewelle in den USA hat gerade die Gasproduktion und den Transport behindert, einige Ladungen wurden verzögert oder sogar nach Asien umgeleitet, wo höhere Spotpreise locken. Dazu kommen witterungsbedingte Verzögerungen in der Nordsee, begrenzte Regasifizierungs-Slots an deutschen Terminals und ein Mangel an neuen LNG-Tankern weltweit.
Die Bundesregierung hat Werkzeuge wie gesetzliche Mindestfüllstände (30 Prozent zum 1. Februar), einen Notfallplan Gas und die Priorisierung von Haushalten. Dennoch wirkt es für viele, als würde zu wenig geschehen. Statt auf Zwangsbefüllung oder massive Subventionen setzt man weiter stark auf den Markt – eine Politik, die Kritiker wie den Speicherverband INES als zu lasch empfinden. Die neue Abhängigkeit von US-LNG ist geopolitisch riskant und preislich belastend, und der Übergang zu mehr Diversifizierung (Katar, Norwegen, erneuerbare Energien) geht langsamer voran als erhofft.
Wenn die Gasspeicher nicht mehr reichen, passiert zuerst Folgendes
Private Häuser, Krankenhäuser und wichtige Einrichtungen (wie Polizei, Feuerwehr, Stromnetz) bekommen weiter Gas – das hat Vorrang. Fabriken und große Betriebe müssen dann zuerst weniger Gas verbrauchen oder im schlimmsten Fall ganz abschalten. Das kostet Arbeitsplätze und Geld, weil weniger produziert werden kann. Wenn der Speicherstand richtig niedrig wird – vor allem unter 20 Prozent –, kommt noch ein großes Problem dazu: Der Druck im Speicher wird zu schwach. Der Gasdruck in den Speichern sinkt, die Entnahmeraten brechen ein. Dann ist nicht mehr entscheidend, wie viel Gas noch vorhanden ist, sondern wie schnell es ins Netz gebracht werden kann. In so einer Lage können selbst laufende LNG-Importe Engpässe nicht vollständig ausgleichen.
Ein flächendeckender Versorgungsausfall für Haushalte gilt weiterhin als unwahrscheinlich, solange Importe fließen und der Notfallplan greift. Möglich sind aber steigende Preise, Produktionsausfälle in der Industrie und politische Eingriffe in den Markt. Je leerer die Speicher werden, desto weniger Spielraum bleibt – und desto schneller können sich Probleme zuspitzen. Leere Gasspeicher sind kein theoretisches Szenario mehr, sondern ein reales Risiko bei Kälte, hoher Nachfrage und knapper Marktversorgung. Ob daraus eine echte Krise wird, hängt weniger von einem einzelnen Faktor ab – sondern davon, wie lange die Kälte anhält, wie zuverlässig die Importe bleiben und wie entschlossen gegengesteuert wird.