Wilhelmine Siefkes (1890–1984)

Im Januar 1890 wird in Leer ein Mädchen geboren, das später die ostfriesische Lebenswelt literarisch festhalten wird: Helene Christine Wilhelmine Siefkes, genannt Wilhelmine. Ihre Eltern sind Landwirte. Vater Siegfried bewirtschaftet einen Hof, doch nach einem schweren Unfall im Jahr 1879 kann er nicht mehr arbeiten. 1896 zieht die Familie um, 1903 stirbt der Vater. Wilhelmine wächst in bescheidenen Verhältnissen auf, eher zurückgezogen, mit wenig Kontakt zu Gleichaltrigen – abgesehen von ihrem elf Jahre älteren Bruder Siegfried. Prägend wird ihre Tante Gesine, die Witwe eines Pastors in Backemoor. Dort lernt sie die Natur schätzen und erlebt, was praktische Nächstenliebe bedeutet: konkrete Hilfe für Bedürftige. Diese Erfahrungen beeinflussen ihr späteres soziales und literarisches Denken nachhaltig.

Von 1900 bis 1907 besucht sie das Lyzeum in Leer, anschließend das Oberlyzeum – mit einem Freistellen-Platz. 1910 legt sie das Examen zur Volksschullehrerin ab. In ihrer ersten Anstellung in Jemgum, einem ländlich geprägten Gebiet, begegnet sie intensiv dem Plattdeutschen – und der Armut vieler Arbeiterkinder. Sie unterrichtet Moorkinder, oft barfuß und mangelernährt. Ab 1917 lehrt sie in Leer die Söhne und Töchter von Werftarbeitern und Fischern. Dabei erlebt sie täglich soziale Gegensätze: während einige im Überfluss leben, fehlt anderen das Nötigste. Diese Erfahrungen prägen ihren politischen und literarischen Weg.

1919 – das Frauenwahlrecht ist gerade eingeführt – wird sie eine der ersten Frauen im Leeraner Stadtrat (SPD). Sie schreibt für den „Volksboten“ und engagiert sich in der Arbeiterjugend sowie in der Arbeiterwohlfahrt. Beeinflusst von engen Freunden wie Hermann Tempel (später Reichstagsabgeordneter) und Louis Thelemann (Gewerkschafter und SPD-Fraktionsführer in Leer), setzt sie sich für Bildung, soziale Gerechtigkeit und bessere Lebensbedingungen ein. Um 1920 entdeckt sie durch die Heimatkunst-Bewegung das Plattdeutsche als Literatursprache. Ihre ersten literarischen Arbeiten sind Märchen und Sagen, die sie ins Plattdeutsche überträgt, um Kinder direkter anzusprechen.

Am 30. Januar 1933 übernehmen die Nationalsozialisten die Macht. In Ostfriesland geschieht die politische Gleichschaltung rasch: Bei der Reichstagswahl 1933 erhält die NSDAP über 57 Prozent der Stimmen, die Opposition wird entmachtet, und die Ideologie durchdringt öffentliche und kirchliche Strukturen. Wilhelmine ist 43 Jahre alt. Bereits einen Monat später wird sie aus dem Schuldienst entlassen, kurz darauf folgt das Publikationsverbot.Während viele kirchliche Vertreter zum Regime schweigen, tritt sie 1933 aus der Kirche aus und schließt sich den Mennoniten an. Zwölf Jahre lebt sie zurückgezogen. Hermann Tempel wird verfolgt und stirbt 1944 an den Folgen der Haft. Louis Thelemann wird in ein Konzentrationslager gebracht. Wilhelmine bleibt in Leer und erlebt eine persönliche und politische Zäsur.Trotz Schreibverbots arbeitet sie weiter und veröffentlicht unter dem Pseudonym Wilmke Anners. 1940 gewinnt ihr anonym eingereichtes Manuskript „Keerlke“ – über die Kindheit eines armen Jungen aus Leer – den Johann-Hinrich-Fehrs-Preis. 1941 erscheint das Werk unter ihrem Namen.

Nach dem Krieg scheidet sie aus gesundheitlichen Gründen aus dem Schuldienst aus. Nun widmet sie sich vollständig dem Schreiben. Es entstehen Romane wie „Kasjen und Amke“, eine Darstellung des Moorbauernlebens, sowie „Uwe aus Leer“. Hinzu kommen Erzählungen wie „Rena im Königsmoor“ oder „Tant’ Remda in Tirol“, Hörspiele und Übersetzungen aus dem Niederländischen und Westfriesischen. Sie steht im Austausch mit Marie Ulfers, Bruno Loets, Alma Rogge und dem Bevensen-Kreis.Ihre Themen bleiben konstant: soziale Unterschiede, Kindheit unter schwierigen Bedingungen, Würde trotz Armut und die enge Verbindung zwischen Mensch und Landschaft.

Bis ins hohe Alter bleibt sie literarisch aktiv. Noch mit achtzig Jahren diktiert sie Texte und überarbeitet Manuskripte. 1970 wird sie Ehrenbürgerin von Leer. 1984 stirbt sie im Alter von 94 Jahren in ihrer Heimatstadt.Wilhelmine Siefkes hinterließ ein Werk, das soziale Realität, regionale Sprache und zeitgeschichtliche Erfahrung miteinander verbindet. Ihre Texte gelten heute als wichtiger Bestandteil der ostfriesischen Literatur des 20. Jahrhunderts

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