April 1940. Europa war von militärischen Siegen Deutschlands erschüttert, viele Länder unter Besatzung – die Unsicherheit und Angst ließen Städte und Leben im Chaos zurück. Die Wehrmacht hat die Niederlande überrannt, Frankreich kapituliert, und die ersten Transporte in Konzentrationslager beginnen. In den besetzten Städten flüstern Menschen von Flucht – doch die Nordsee ist ein tödliches Meer, bewacht von deutschen U-Booten, Schnellbooten und Aufklärungsflugzeugen. In Delfzijl sitzt der Hausarzt Allard Oosterhuis im Café „De Witte Zwaan“ (Der Weiße Schwan) und starrt auf seine Mobilmachungsunterlagen. Er ist kein Soldat, aber er hat Schiffe – Küstenfrachter wie die „Cascade“ und „Libelle“, die trotz der Besatzung nach Stockholm fahren dürfen. In diesem Moment entscheidet er: Diese Schiffe werden nicht nur Fracht transportieren – sondern Menschen, Nachrichten und Hoffnung.
Oosterhuis beginnt vorsichtig. Als Hausarzt sieht er täglich die Not seiner jüdischen Patienten und anderer Verfolgter. Er schmuggelt zuerst illegale Zeitungen wie Vrij Nederland und dringend benötigtes Insulin für Diabetiker – darunter viele Juden, die unter der Besatzung keine Medikamente mehr bekommen. Die Crews bauen Verstecke ein: doppelte Wände, falsche Böden, enge Kammern unter dem Laderaum – winzige, dunkle Räume, in denen Menschen stunden- oder tagelang ausharren müssen, ohne zu wissen, ob das Schiff durchkommt. Die deutschen Kontrollen sind streng – jedes Mal, wenn ein Schiff ablegt, schlägt das Herz bis zum Hals. Ein falscher Blick, ein Geräusch, und alles ist aus.
Dann kommt Harry Roossien ins Spiel, Kapitän der „Hollandia“. Ein Mann aus Stadskanaal, der die Ostsee kennt wie seine Westentasche. Roossien macht die gefährlichsten Fahrten: Er nimmt Engelandvaarders an Bord – Widerstandskämpfer, Juden und andere, die vor der Deportation fliehen. Die Route führt über die Ostsee nach Schweden – von dort geht’s per Flugzeug weiter nach London. Die Route ist ein Geheimnis. Schweden ist neutral, aber die Ostsee voller deutscher Patrouillen.
Jede Fahrt gleicht einem Himmelfahrtskommando
Die Gruppe wächst zu „Zwaantje“ (Kleiner Schwan) – nach dem Café, wo alles begann. Sie schmuggeln nicht nur Menschen: Auch Funkgeräte, Geld, Spionageberichte. Jede Fahrt ist ein Pokerspiel. Einmal versteckt Roossien einen jüdischen Flüchtling so gut, dass die Deutschen stundenlang suchen, ohne etwas zu finden. Ein anderes Mal muss die Crew in letzter Sekunde eine Luke schließen, als ein Offizier plötzlich an Bord kommt. In den Verstecken hört man nur das Dröhnen der Maschinen und die Stiefel der Kontrolleure über sich. 1942 wird es enger. Die Gruppe kooperiert mit der „Dienst Wim“ für Nachrichten. Die Schiffe fahren unter falschen Papieren, die Besatzungen lügen den Deutschen stumpf ins Gesicht. Während die Männer auf See sind, hält Oosterhuis’ Frau Stientje Mensinga zu Hause die Tarnung aufrecht – sie weiß, dass das Risiko für die Familie genauso groß ist. Ein Verrat, und es ist vorbei.
Und dann passiert es: Juli 1943. Ein Kapitän bricht ein, und der berüchtigte Verräter Anton van der Waals – ein Meister der Täuschung und einer der gefährlichsten Kollaborateure der Nazis – infiltriert die Gruppe.Er war berüchtigt dafür, sich als Widerstandskämpfer auszugeben, Vertrauen zu gewinnen und dann die gesamte Gruppe an die Nazis zu verraten. Am 21. Juli schlägt die SD (Sicherheitsdienst des Reichsführers-SS) zu. Oosterhuis, Roossien und fast alle werden verhaftet. Sie landen im Oranjehotel in Scheveningen, dann in deutschen Lagern: Hameln, Oranienburg. Im Juni 1944 das Todesurteil für alle – kollektiv. Die Vollstreckung der Todesurteile verzögert sich in den chaotischen letzten Monaten des Krieges. Viele Häftlinge sterben in Arbeitslagern, andere kurz vor der Befreiung durch die heranrückenden alliierten Truppen und die sowjetische Armee im Frühjahr 1945. Die Gefangenen erleben Hunger, Krankheiten, Entbehrungen und die ständige Angst vor Exekution – jeder Tag ein Drahtseilakt zwischen Leben und Tod.
Am Ende kommen Oosterhuis und Roossien frei, körperlich und seelisch gebrochen, aber lebendig, ein Zeugnis des Überlebens, der dem Zufall und der Unordnung der letzten Kriegstage geschuldet ist. Nach dem Krieg gab Oosterhuis den Arztberuf auf – die Haft hat ihn körperlich und seelisch zu sehr gezeichnet – und wird Vollzeit-Reeder mit der „MS Stientje Mensinga“. Er emigriert 1956 nach Irland, wo er 1967 stirbt. Roossien bleibt in Groningen, hält Vorträge in Schulen und warnt bis ins hohe Alter vor Faschismus.
In Delfzijl steht heute das Denkmal: Ein bronzener Schwan, der aus einer Schiffsbug aufsteigt. Jedes Jahr im April legen Schulkinder Kränze nieder und erinnern sich an Männer und Frauen, die in stickigen Verstecken und unter dem Druck der Gestapo taten, was sie konnten: Juden, Widerstandskämpfer und andere Verfolgte retten – mit nichts als einem Schiff und unbeugsamer Entschlossenheit.