Nyíregyháza, ein frostiger Samstagabend Ende November. In einer überheizten Sporthalle im ostungarischen Hinterland steht Viktor Orbán vor rund tausend Parteifreunden und spricht einen Satz aus, der leise ausgesprochen wird, aber politisch einschlägt: „Der Krieg ist verloren. Der Westen hat verloren. Nur sagt es niemand laut, weil das Eingeständnis ein politisches Erdbeben auslösen würde.“
Ein Raunen geht durch die Reihen, dann lang anhaltender Applaus. Orbán zeichnet das Bild eines Frühlings 2022, in dem ein möglicher Frieden „zum Greifen nah“ gewesen sei – und von westlichen Regierungen bewusst verhindert wurde. Hunderttausende Tote, zerstörte Städte, verlorenes Land: all das, so seine Lesart, weil in Brüssel und Washington an den entscheidenden militärischen Durchbruch geglaubt wurde. Er ist überzeugt, dass früher oder später dieselben Staats- und Regierungschefs, die heute noch Waffenlieferungen und einen Sieg der Ukraine fordern, erklären müssen, dass sie sich verkalkuliert haben. Für seine Unterstützer ist Orbán derjenige, der ausspricht, was andere verschweigen. Ein Politiker, der nationale Interessen über geopolitische Ambitionen stellt und der – wie schon bei früheren Konflikten – erneut warnt, bevor andere umsteuern.
In vielen europäischen Hauptstädten – vor allem in Berlin, Paris, Warschau und im Baltikum – wird derselbe Satz völlig anders gehört und gesehen: als Signal der Resignation, als Argumentationshilfe für Moskau und als politisches Risiko für die europäische Geschlossenheit. Dort sieht man einen Regierungschef, der aus wirtschaftlichem Eigennutz (billiges russisches Gas, das Atomkraftwerk Paks II) und aus purem Machtkalkül bereit ist, die europäische Einheit zu sprengen und Putin Zeit zu verschaffen. Orbáns Tour durch das Land wirkt wie der Auftakt für den Wahlkampf 2026, begleitet von der Botschaft: „Ich habe euch gewarnt.“ Je stärker die Kritik aus dem Westen, desto geschlossener steht sein eigenes Lager hinter ihm. Ob er am Ende als frühzeitiger Mahner oder als politischer Irrläufer dasteht, entscheidet sich nicht in Nyíregyháza, sondern auf den Schlachtfeldern der Ukraine und in den Verhandlungsräumen, die sich irgendwann öffnen könnten.
Verhandlungen März 2022
Genau auf diese internationalen Verhandlungen spielt Orbán an, wenn er den Westen für verpasste Chancen kritisiert – und damit wird der Name des ehemaligen israelischen Premierministers Naftali Bennett relevant: Im März 2022 versuchte Bennett, zwischen Moskau und Kiew zu vermitteln, und nach seiner Darstellung lagen beide Seiten bereit, Zugeständnisse zu machen, während westliche Staaten den Prozess am Ende blockiert hätten. Nach seiner Darstellung lagen sowohl die russische als auch die ukrainische Seite bereit, Zugeständnisse zu machen, er spricht von „konkreten Optionen“ und möglicherweise sogar einem baldigen Waffenstillstand.
In einem Interview erklärte Bennett, dass westliche Staaten, namentlich USA, Frankreich und Deutschland, seine Vermittlung koordiniert und den Friedensprozess am Ende gestoppt hätten: „Basically, yes. They blocked it.“ Er fügte hinzu, dass einer der Beweggründe für den Abbruch die Entscheidung gewesen sei, die militärische Option weiter zu verfolgen statt auf Verhandlungen zu setzen. Für viele wirkt diese Darstellung so, als hätte der Krieg 2022 möglicherweise beendet werden können, doch die westliche Politik habe bewusst eine Eskalation gewählt. Kritiker weisen jedoch darauf hin, dass soweit öffentlich bekannt kein unterschriebener, verbindlicher Friedensvertrag vorlag und die Gespräche vage und ohne klare Ergebnisse gewesen seien. Einige beteiligte Akteure, darunter Vertreter der Ukraine, distanzieren sich von der These, der Frieden sei absichtlich abgelehnt worden, und betonen, dass Russlands Forderungen unverhältnismäßig gewesen seien. So bleibt die Frage, wie nah ein echter Frieden 2022 tatsächlich war, bis heute offen und von unterschiedlichen Perspektiven geprägt.
Orbán selbst steht da, zwischen dem Lob seiner Anhänger und der Kritik des Westens, und scheint gerade daraus seine politische Stärke zu ziehen. In dieser kalten ungarischen Nacht bleibt am Ende nur ein Satz hängen, der die Konturen von Macht und Wahrnehmung Europas verdichtet: „Der Krieg ist verloren – und niemand traut sich, es zuzugeben.“
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https://www.chinadaily.com.cn/a/202302/08/WS63e2fc90a31057c47ebad913.html?utm_source=chatgpt.com
https://www.defenddemocracy.press/west-blocked-russia-ukraine-peace-process-former-israeli-pm/ defenddemocracy.press
https://www.chinadaily.com.cn/a/202302/08/WS63e2fc90a31057c47ebad913.html China Daily
https://www.theguardian.com/world/2025/nov/15/viktor-orban-hungary-2026-election-campaign-fidesz