Wenn in der Nacht zum 1. Januar Raketen den Himmel zerreißen, Sektkorken knallen und Menschen sich in den Armen liegen, denken die wenigsten daran, dass all das seinen Namen einem Mann verdankt, der vor fast 1.700 Jahren in Rom starb. Der 31. Dezember heißt in Deutschland, Österreich und einigen Nachbarländern Silvester, weil Papst Silvester I. genau an diesem Tag im Jahr 335 n. Chr. verstarb. Ab dem Jahr 813 wurde sein Todestag offiziell als kirchlicher Gedenktag geführt.

Als Papst Gregor XIII. im Jahr 1582 den gregorianischen Kalender einführte und den 1. Januar verbindlich als Jahresbeginn festlegte, geschah etwas Merkwürdiges: Der Vorabend dieses neuen Jahresanfangs fiel ausgerechnet auf den Gedenktag eines frühchristlichen Papstes. Ein stilles Sterbedatum aus dem 4. Jahrhundert wurde so – ganz unbeabsichtigt – zum Namensgeber der lautesten Nacht des Jahres.

Mit dem Papst selbst hat der Lärm allerdings nichts zu tun. Feuerwerk, Böller und Glockengeläut stammen aus vorchristlichen Ritualen. Schon lange vor dem Christentum entzündeten Menschen Feuer, erhellten die Dunkelheit und machten Lärm, um böse Geister zu vertreiben. Diese Bräuche waren ursprünglich nicht an ein bestimmtes Datum gebunden, sondern wurden später einfach auf den neu festgelegten Jahreswechsel übertragen.

Der 1. Januar ist kein natürlicher Jahresbeginn

Er liegt mitten im Winter, in einer Zeit der Kälte, Dunkelheit, des Winterschlafs und des Stillstands. Der 1. Januar wurde gewählt, weil er praktisch war. Schon im alten Rom begannen wichtige politische Ämter an diesem Tag. Das machte es leichter, Termine, Steuern und Gesetze zu organisieren. Der Monat wurde nach Janus benannt, dem römischen Gott der Übergänge und Neuanfänge. Der römische Gott Janus hatte zwei Gesichter – eins schaute nach hinten, eins nach vorne.Der 1. Januar setzte sich im Laufe der Zeit in vielen Ländern durch, weltweit allerdings erst Jahrhunderte später.

Für die Natur beginnt das Jahr woanders. Viele alte Kulturen sahen den wahren Neubeginn bei der Frühlingstagundnachtgleiche um den 20. oder 21. März, wenn Tag und Nacht gleich lang sind, das Licht zurückkehrt und neues Leben sichtbar wird. Früher feierten viele Völker das neue Jahr genau zur Frühlingstagundnachtgleiche im März – die alten Römer, die Babylonier oder bis heute die Perser mit ihrem Nowruz-Fest. Noch älter ist eine andere Art, die Zeit zu zählen: Nach dem Mond. Viele frühe Kulturen hatten 13 Monate im Jahr, jeder etwa 28 Tage lang – genau ein Mondzyklus und ungefähr die Länge des weiblichen Zyklus.

Wir knallen, leuchten und lärmen in der dunkelsten Zeit des Jahres – mit Bräuchen aus uralten Zeiten, an einem Datum aus römischer Bürokratie, benannt nach einem Papst, der davon nichts wusste. Ironischerweise bedeutet der Name Silvester aus dem Lateinischen übersetzt ‚der aus dem Wald‘ oder ‚Waldbewohner‘ – ein stiller Heiliger als Namenspatron der lautesten Nacht der Welt.In dieser einen Nacht kommen Tausende Jahre Menschheitsgeschichte zusammen: der Mondrhythmus der frühen Kulturen, der Frühlingsbeginn der alten Völker, römische Pragmatik, christliche Gedenktage und die pure Freude am Lärm und Licht. Der stille Waldbewohner aus dem 4. Jahrhundert würde wohl die Augenbrauen hochziehen, wenn er sehen könnte, wie sein Todestag zur größten Party der Welt wurde. Und irgendwo tief drinnen feiern wir vielleicht doch noch ein bisschen den uralten Wunsch: Die Dunkelheit vertreiben, neue Chancen nutzen und sich auf den kommenden Frühling freuen.

An dieser Stelle möchte ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, herzlich für Ihre vielen Besuche auf dieser Seite danken.

Ihnen ein glückliches, gesundes und erfolgreiches neues Jahr!

A.T.Loose

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