Es ist eines der größten Missverständnisse der modernen Industriegeschichte, dass das Elektroauto eine Erfindung des 21. Jahrhunderts sei. Um das Jahr 1900 waren auf den Straßen der USA ähnlich viele Automobile mit Elektromotor unterwegs als mit Verbrennungsmotor. Im Jahr 1899 durchbrach der belgische Rennfahrer Camille Jenatzy mit seinem Elektrofahrzeug La Jamais Contente als erster Mensch die magische Grenze von 100 km/h. Doch das E-Auto verlor das Duell gegen Benzin und Diesel schon vor über einhundert Jahren aus drei Gründen, die bis heute physikalische Realität geblieben sind: unzureichende Energiedichte der Batterien, hohe Masse und lange Ladezeiten. Dass die europäische Schlüsselindustrie ein Jahrhundert später dennoch gezwungen war, alles auf eine Karte zu setzen, ist das Ergebnis einer beispiellosen ordnungspolitischen Weichenstellung.

Der radikale Schwenk der Automobilkonzerne war keine reine marktwirtschaftliche Entscheidung. Die EU-Flottenregulierung führt faktisch dazu, dass neue Verbrenner im EU-Markt keine realistische Zulassungsgrundlage mehr haben. Die Automobilmanager stehen vor einem Dilemma: Entweder sie stellt die Produktion batterieelektrischer Fahrzeuge um, oder sie riskierten ab 2025 existenzbedrohende Strafzahlungen in Milliardenhöhe an Brüssel. Angetrieben von der Angst, technologisch von Tesla und staatlich subventionierten chinesischen Newcomern abgehängt werden, und unter dem Druck internationaler Investmentfonds, die Kapitalflüsse an strenge Nachhaltigkeitskriterien knüpfen, ging die Industrie risikoreich den Weg der vollständigen Transformation.

Die aktuelle Krise resultiert aus einer dreifachen Fehlkalkulation

Für den Standort Emden bedeutet diese Entwicklung eine existenzielle Krise. Volkswagen plant im Zuge seines Sparprogramms die Schließung von bis zu 100 Werken weltweit – und auch das Emder Werk steht konkret auf der Kippe. Der Konzern baut massiv Stellen ab, streicht Schichten, verlängert keine Leiharbeitsverträge mehr und verhandelt über den Abbau von Hunderten bis Tausenden Stellen in der Stammbelegschaft. Die aktuelle Krise resultiert aus einer dreifachen Fehlkalkulation an den Schnittstellen von Politik, Physik und Markt. Die politische Annahme, man könne dem Markt eine Technologie per Gesetz verordnen und die nötige Ladeinfrastruktur sowie billigen Grünstrom synchron aus dem Boden stampfen, ist an der Realität gescheitert. Der Netzausbau deutet den politischen Zielen jahrelang hinterher. Zudem erwies sich der Markt für Elektrofahrzeuge als künstlich beatmet.

Als Ende 2023 wurden in Deutschland die staatlichen Kaufprämien abrupt gestrichen, brach die private Nachfrage ein. Es zeigte sich, dass E-Autos in der Anschaffung ohne staatliche Zuschüsse für breite Käuferschichten schlicht zu teuer sind. Gleichzeitig führte dies zu einem geopolitischen Eigentor: Während die EU den Verbrennungsmotor – eine Domäne, in der europäische Ingenieure jahrzehntelang uneinholbar waren – gesetzlich ausbremste, öffnete sie unfreiwillig das Tor für die Konkurrenz. China hatte über zwei Jahrzehnte hinweg die weltweite Lieferkette für Batteriezellen, Lithium und Seltene Erden fast monopolisiert. Die europäische Industrie geriet so aus einer direkten Abhängigkeit in die nächste, technologische Abhängigkeit.

Für den Standort Emden bedeutet diese Entwicklung die schmerzhafte Landung auf dem harten Boden der Realität. Weil die Stadt und die gesamte Region Ostfriesland wirtschaftlich monokulturell aufgestellt sind, hat diese Krise das Potenzial, ein ganzes Gefüge zu zerreißen. Das Werk ist mit rund 8.000 Beschäftigten der unbestrittene Lebensnerv der Region. Wenn dort Schichten gestrichen, Leiharbeitsverträge nicht verlängert und über den Abbau von Stammbelegschaften verhandelt werden, trifft das weit mehr als nur die VW-Mitarbeiter. An jedem Arbeitsplatz im Werk hängen mathematisch mehrere weitere Jobs in der Region. Logistikunternehmen, Komponentenfertiger und Dienstleister im Industriepark Frisia hängen direkt am Tropf der Taktzeiten des Werks; Die Bänder bei VW, stehen sie auch dort. Ebenso spürt dies der lokale Mittelstand, vom Handwerker bis zum Einzelhandel, da der private Konsum in Ostfriesland bei grassierender Existenzangst sofort einbricht.

Handlungsspielraum eingeschränkt

Gleichzeitig droht der Stadtkasse durch das Ausbleiben der Gewerbesteuern des größten lokalen Zahlers der finanziellen Kollaps, was den öffentlichen Handlungsspielraum für Schulen, Straßen und Infrastruktur massiv einschränkt. Die größte Gefahr liegt jedoch in der technologischen Falle: Das Werk Emden wurde mit über einer Milliarde Euro komplett auf Links gedreht, um ausschließlich Modelle wie den ID.4 und ID.7 zu bauen. Die alten Produktionsstraßen für den Verbrenner-Passat sind unwiederbringlich verschwunden. Das Werk kann nicht zum alten Erfolgsrezept zurück, sondern bleibt untrennbar an das Schicksal der E-Mobilität gekettet. Stagniert dieser Markt dauerhaft, droht dem Standort das Schicksal einer hochmodernen, aber chronisch unterausgelasteten Fabrik.

Damit verliert die Region auch ihre zuverlässigsten Garanten, die junge Fachkräfte nach der Ausbildung in der Heimat hielten. Für Emden steht somit nichts Geringeres als der Status als industrielles Kraftzentrum des Nordwestens auf dem Spiel. Während Großkonzerne Verluste durch globale Verkäufe in anderen Sparten abfedern können, hat die Region Ostfriesland keinen Plan B. Sie zahlt den realen Preis dafür, dass man die wirtschaftliche Zukunft eines ganzen Landstrichs auf eine einzige, politisch motivierte Wette gesetzt hat, deren Fundamente die physikalischen und ökonomischen Gesetze des Marktes unterschätzt haben.

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