Am 30. September 2026 hat der Justizausschuss des Thüringer Landtags darüber beraten, ob ein Verbotsverfahren gegen die AfD angestoßen werden soll. Den Antrag hatte die Linke gestellt. Eingeladen waren Juristen, Sachverständige, der frühere Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen und Hape Kerkeling. Kerkeling sagte gleich zu Beginn: Ich spreche nicht als Verfassungsrechtler, sondern als Enkel eines Opfers der Nazis. Sein Großvater Hermann Anton Kerkeling war Kommunist, und seine Geschichte ist komplizierter, als sie meist erzählt wird.

Die Münsterland Zeitung hat im August 2026 Zeitungsberichte von 1933 ausgewertet. Danach wurde er dort als Anführer einer Diebesbande beschrieben und im Oktober 1933 wegen Bandendiebstahls zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Nach dieser Recherche spielte ein politischer Vorwurf bei diesem ersten Urteil keine Rolle. Wenige Wochen später verurteilte ihn das Oberlandesgericht Hamm wegen „Vorbereitung des Hochverrats“, weil er die kommunistische Druckschrift „Rote Welle“ hergestellt und verteilt hatte. Die Gesamtstrafe wurde daraufhin auf neun Jahre Zuchthaus erhöht. Danach nahm ihn die Gestapo in „Schutzhaft“, also in grundsätzlich unbefristete Haft ohne reguläres Gerichtsverfahren. Nach der Recklinghäuser Zeitung begann sein Weg dorthin am 2. Juli 1942. Bis 1945 war er politischer Häftling in Buchenwald. Das Unrecht in dieser Geschichte ist nicht das erste Urteil. Das Unrecht sind die drei Jahre politische Verfolgung, die Haft ohne reguläres Gerichtsverfahren und das Konzentrationslager. Das bleibt Unrecht, egal was er vorher getan hat. Daran gibt es nichts zu relativieren. Trotzdem sind das zwei verschiedene Dinge: ein Strafurteil wegen Diebstahls und politische Verfolgung.

Dann sagte Kerkeling, er spüre, dass die Demokratie in Gefahr sei. Angst, Lügen und Hass seien die Zutaten der NS-Ideologie, und heute bestimmten sie die Richtung der AfD. Wer die Verbrechen von 1933 bis 1945 verharmlose, verlasse den Boden des Grundgesetzes. Dann griff er den Wahlslogan der AfD Sachsen-Anhalt auf, „Alles ist möglich“, und sagte, bei einer Partei, die das zu ihrem Slogan mache, sei unter Umständen auch Buchenwald möglich. Dabei sollte allerdings berücksichtigt werden, dass diese Formulierung bereits früher von anderen politischen Akteuren verwendet wurde. Trotzdem steckt in der Geschichte des Großvaters eine Frage, die in der Debatte untergeht. Oft heißt es: Wer von den Nazis verfolgt wurde, stand automatisch auf der Seite der Demokratie. Das stimmt so nicht.

Gegen Hitler war nicht automatisch für die Demokratie

Hermann Kerkeling war in der KPD. Die Nazis verboten sie 1933 und verfolgten ihre Mitglieder. Aber die KPD wollte die Weimarer Republik nicht verteidigen, sondern durch eine andere politische Ordnung ersetzen. Ihr Programm von 1930 forderte die „Diktatur des Proletariats“. Das Parlament war für sie nicht etwas, das man verteidigte, sondern Teil einer bürgerlichen Ordnung, die überwunden werden sollte. Besonders deutlich zeigt sich dieser Widerspruch bei Clara Zetkin. Sie war von 1920 bis 1933 durchgehend KPD-Abgeordnete im Reichstag und hielt dort 1932 als Alterspräsidentin eine historische Rede gegen den Nationalsozialismus und warnte früh vor dem Faschismus. Zugleich wollte sie nicht die parlamentarische Weimarer Republik bewahren, sondern hoffte auf eine sozialistische Räteordnung und auf ein „Sowjetdeutschland“.
Die KPD und NSDAP waren Todfeinde, und man darf sie nicht gleichsetzen. Aber es zeigt etwas Unbequemes: Man konnte gegen Hitler sein und trotzdem die parlamentarische Demokratie ablehnen. Die Weimarer Republik hatte Feinde auf beiden Seiten, die NSDAP von rechts und die KPD von links, aus völlig verschiedenen Gründen und mit völlig verschiedenen Zielen. Auch die Frage „links oder rechts?“ erklärt weniger, als man denkt. Das frühe NSDAP-Programm enthielt viele Forderungen, die isoliert betrachtet sozial oder antikapitalistisch wirkten und waren. Gewinnbeteiligung, bessere Altersversorgung, Kommunalisierung der Warenhäuser. Hitler wollte eine rassistische „Volksgemeinschaft“ unter einem Führer. Entscheidend ist nicht, welche einzelne Maßnahme eine Bewegung fordert, sondern welches politische System und welche Gesellschaftsordnung sie am Ende will.

Was heißt das für ein AfD-Verbot?

Der Satz „Mein Großvater wurde von den Nazis verfolgt“ sagt allein nichts darüber, was er wollte, denn auch die KPD wollte keine parlamentarische Demokratie, sondern eine eine linke Diktatur. Das sowjetische Modell, das sie als Vorbild sah, wurde unter Stalin zu einem System, das Millionen Menschen das Leben kostete. Das ist kein Vorwurf an einzelne Personen, sondern eine Erinnerung daran, was diese Idee in der Praxis bedeutete. Kerkeling macht den Umgang mit der Geschichte zum Maßstab. Das ist ein moralischer Satz. Aber ein Parteiverbot ist keine moralische, sondern eine rechtliche Frage. Man darf eine Partei für gefährlich halten, sie scharf kritisieren und nicht wählen. Und eine Demokratie darf sich gegen Parteien wehren, die sie abschaffen wollen.
Die Frage lautet aber: Will diese AfD die freiheitliche demokratische Grundordnung beseitigen, und lässt sich das vor Gericht belegen? Das entscheiden letztlich die zuständigen Verfassungsorgane und im Parteiverbotsverfahren das Bundesverfassungsgericht, nicht Gefühle und auch nicht die Familiengeschichte eines Redners. Wegen seines Buchenwald-Satzes hat ein AfD-Politiker Kerkeling bei der Staatsanwaltschaft Erfurt angezeigt. Eine Strafanzeige ist allerdings noch keine Feststellung einer Straftat. Ob daraus etwas wird, entscheiden die zuständigen Strafverfolgungsbehörden. Aber der Streit zeigt, wie dünn das Eis ist, wenn Geschichte als Argument benutzt wird.

Der unbequeme Kern

Eine Demokratie darf sich wehren. Aber sie muss aufpassen, dass sie nicht zerstört, was sie schützen will. Demokratie heißt nicht, dass nur die richtigen Meinungen zählen. Sie heißt, dass auch der Gegner reden, kandidieren und gewählt werden darf, solange er sich an die Verfassung hält. Das ist unbequem, denn man muss auch Meinungen aushalten, die man unerträglich findet. Die Geschichte von Hermann Kerkeling zeigt, was politische Verfolgung bedeutet. Aber sie sollte uns nicht nur lehren, wer damals die Bösen waren. Wer politische Gegner nicht mehr mit Argumenten und Wahlen schlagen will, sondern ihnen das Recht auf politische Existenz abspricht, geht einen gefährlichen Weg. Deutschland kennt ihn. Die Gefahr kann von verschiedenen Seiten kommen. Die wichtigste Frage ist deshalb: Wer akzeptiert die Freiheit des anderen, auch wenn der etwas sagt, was man selbst nie sagen würde? Dort fängt Demokratie an. Und dort muss sie sich auch verteidigen.

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