Wer heute als Journalist das Gespräch mit der AfD sucht, bewegt sich auf dünnem Eis. Schnell steht der Vorwurf im Raum, einer in Teilen rechtsextremen Partei eine Bühne zu bieten. Doch wegzuschauen ist keine Option mehr. Wenn rund 30 Prozent der Bürger einer Partei ihre Stimme geben, kann man diese Menschen und ihre Wahlentscheidung nicht einfach ignorieren. Reden mit jedem, Gemeinmachen mit niemandem, bleibt von daher die alte Devise. Die AfD kandidiert in Papenburg 2026.

Dr. med. vet. Ingo Kerzel ist Tierarzt und Politiker der AfD.  Seit März 2025 ist er Abgeordneter im Niedersächsischen Landtag und dort energie- und umweltpolitischer Sprecher der AfD-Fraktion sowie stellvertretender Vorsitzender des zuständigen Ausschusses.

Herr Dr. Kerzel, die Meyer Werft ist einer der größten Arbeitgeber im Emsland. Wie bewerten Sie die Auswirkungen der aktuellen Energie- und Klimapolitik auf die Wettbewerbsfähigkeit?

Die Meyer Werft nebst ihrer Tochter, der Neptun Werft in Rostock-Warnemünde, ist ein großer Sanierungsfall, der noch längst nicht abgeschlossen ist. Wenn die Politik so einem schwächelnden Unternehmen dann noch jede Menge Hürden in den Weg stellt, wird es umso schwerer aus der Krise zu finden. Ein Einzelfall ist die Meyer Werft aber leider nicht. Zahlreiche Unternehmen können aufgrund der Energie- und Klimapolitik und der Bürokratisierung nicht mehr kostendeckend produzieren. Diese Betriebe geben auf oder wandern in andere Länder ab. Die Deindustrialisierung ist in vollem Gang.

Im Frühjahr 2025 sagte Geschäftsführer Ralf Schmitz, die Werft könnte bei voller Konzentration auf Verteidigung vier bis fünf Fregatten in Serie bauen. Sie erklärten jedoch, sie könne nicht allein durch Kriegsschiffe überleben. Warum sehen Sie das so – und was braucht die Werft stattdessen?

„Es gäbe andere Werften im Land, die sich mit ‚grauer Ware‘ besser auskennen, hat sogar der Gewerkschafter Daniel Friedrich, der Leiter des IG-Metall-Bezirks Küste, im Interview mit der HAZ gewarnt. Ich glaube, er hat Recht. Die Meyer Werft ist keine Marine-Werft. Sie stellt Premium-Produkte für die Kreuzfahrtbranche her. Der angedachte Fregattenbau ist indessen ein Ausdruck dessen, was uns die Regierung bescheren will. Boris Pistorius’ Ruf zur ‚Kriegsertüchtigung‘ schallt zu vielen in den Ohren. Ob er wirtschaftlich belastbar ist, bleibt unsicher. Die Meyer Werft sollte sich auf ihre Kernkompetenzen besinnen. Darin ist sie erstklassig.

Sie kritisieren seit längerem die Deindustrialisierung. Befürchten Sie, dass Meyer Werft und Mittelstand durch hohe Energiekosten und Bürokratie in Bedrängnis geraten – und was sollte die Landesregierung tun?

Mit jeder Firmenpleite, derzeit fast drei pro Stunde, verstärkt sich die Spirale der Deindustrialisierung. Zu viele Betriebe sind bereits in Bedrängnis. Ganze Schlüsselindustrien verschwinden, was für unsere Volkswirtschaft ein Desaster ist. Eine Abwärtsspirale, die sich mit jeder Drehung beschleunigt. Die derzeitigen Krisen und Kriege rund um den Globus verschärfen die Situation. Aber die Hauptursachen sind selbstverschuldet. Hier muss gegengesteuert werden. Bestehende und funktionstüchtige Kraftwerke für petro-energetische Brennstoffe wie Gas, Öl oder Kohle sind als Sofortmaßnahme vor der Stilllegung und Zerstörung zu bewahren, um die Grundlast zu sichern. Niedersachsen muss bei bundesweiten Ausschreibungen für neue Gaskraftwerke zudem als zentraler Industriestandort priorisiert werden. Stichwort Bürokratieabbau: Die Landesregierung müsste sich beispielsweise auf übergeordneten Ebenen für die Aufhebung schädlicher europäischer Verordnungen einsetzen. Das sind nur drei Beispiele, die wir als AfD sofort umsetzen würden.

Welche konkreten Probleme hat der Mittelstand im Emsland aktuell, und welche Entlastungen sind aus Ihrer Sicht am dringendsten?

Im Emsland sind zahlreiche mittelständische Unternehmen angesiedelt. Der Mittelstand leidet zusammen unter den hohen Energiekosten und einer schlechten Auftragslage. Die Bürger müssen sparen, da sich insgesamt die wirtschaftliche Lage verschlechtert. Ob und inwieweit zum Beispiel Handwerksbetriebe beauftragt werden, hängt klar von der finanziellen Situation ihrer potenziellen Kunden ab. Lasse ich am Haus nur die allernotwendigsten Reparaturen machen oder kann ich Reparaturen langfristiger Art finanzieren? Der Wohnungs- und Hausbau ist drastisch gesunken, da er zu teuer geworden ist und die Auflagen immer drastischer werden. Der versprochene Wohnungsbau der Landesregierung zur letzten Landtagswahl ist nicht eingetreten. Bezüglich der Meyer Werft muss betont werden, dass bei dem zivilen Schiffsbau wesentlich mehr handwerkliche Betriebe von diesem Bau profitieren, als es beim Bau von Kriegsschiffen der Fall wäre.

Im Emsland entstehen derzeit neue Windkraftanlagen. Was halten Sie vom Ausbau vor Ort? 

Die Landesregierung hat beschlossen, Niedersachsen zu 2,2 Prozent der Landesfläche mit Windkraftanlagen zu bestücken. Flächenmäßig werden 1.050 Quadratkilometer zubetoniert. Gemeint sind damit nur die Fundamente! Ausleger, Energiespeicher und Zufahrtswege sind nicht einberechnet. Im Emsland selbst wird das Ziel von 2,2 Prozent auf 3,07 Prozent bis zum Jahr 2032 überschritten. Die negativen Auswirkungen dieser Pläne sieht man schon jetzt. Derzeit stehen im Emsland über 500 Windkraftanlagen. Bis 2032 ist dann mindestens mit einer Verdoppelung zu rechnen. Wie viele es auch immer sind, bei Flaute ist die Leistung null! Der Ausbau ist ideologisch motiviert. Er ist in höchstem Maße subventioniert. Das ist kurz- wie langfristig ein energie-, umwelt- und wirtschaftspolitisches Desaster. Die sogenannte Energiewende ist gescheitert.

Sie sagen, Deutschland sei auf dem Weg in den Sozialismus. Welche Entwicklungen von Bund und Land sehen Sie als besonders besorgniserregend?

Eigenverantwortung, Bereitschaft, Aufklärung, kritisches Hinterfragen und Selbständigkeit sind eher auf einem absteigenden Ast. Wer entsprechende Qualitäten hat, wird nicht selten mit Repressalien behaftet und muss Angst um Beruf, Karriere, Familie und Unabhängigkeit haben. Heute wird die Überwachung der Bürger immer weiter vertieft. Das ist mit elektronischen Maßnahmen immer einfacher. Aber auch der stetig wachsende Bürokratismus bedeutet eine wachsende Regulierungswut auf Kosten der Bürger. Gesetze werden immer mehr in Verwaltungsanweisungen korsettiert.Durch die Etablierung der elektronischen ID ist eine komplexe Überwachung möglich. Leider machen zu viele dabei mit, ihre Daten in jeglicher Beziehung Datensammlern zur Verfügung zu stellen. Offenbar wollen oder können sich nur wenige über die Folgen im Klaren sein. Das Motto muss heißen: Meine Daten gehören mir! Diese hat der Staat zu schützen!

Was ist Ihre Vision für die Zukunft von Papenburg und dem Emsland? Welche drei Maßnahmen würden Sie als Abgeordneter am liebsten umsetzen?

Verzeihen Sie mir, wenn ich vier Punkte nenne: Zunächst ist ein schonungsloser Kassensturz notwendig. Unnötige Ausgaben der Regierungen in Land und Bund müssen gestrichen werden und direkt dem Bürger zugutekommen. Wir haben kein Problem bei den Steuereinnahmen, sondern bei den Ausgaben zum Beispiel – das ist Punkt zwei – bei den Subventionen. Sie sind in der derzeitigen Energiepolitik zu einseitig und fördern eine bedenkliche Entwicklung. Die Konzentration auf Windkraft und Photovoltaik ist gefährlich. Strom fließt nur, solange die Sonne scheint und ausreichend Wind die Rotoren antreibt. Stets sind konventionelle Kraftwerke nötig, die einspringen, wenn Windkraft und Photovoltaik nicht liefern.
Die Haltbarkeit der Anlagen ist zudem begrenzt und führt zu Sondermülldeponien und weiteren Mehrbelastungen. Gerade im Emsland muss der weitere Ausbau der sogenannten „Erneuerbaren“ schleunigst begrenzt werden, um auch weitere Umweltzerstörung zu verhindern.


Punkt drei: Die immer leblosere Innenstadt Papenburgs bedarf einer Wiederbelebung. Das gelingt nur durch attraktive Angebote, die Bewohner und Besucher anlocken und bezahlbar sind. Auf allen möglichen Ebenen muss zudem – das ist Punkt vier – die Migration geregelt und begrenzt werden. Wachsende Parallelgesellschaften, die das Grundgesetz ablehnen und in kalifatähnlichen Strukturen leben, sind eine Gefahr für Staat und Gesellschaft.

Welche Reformen im Bildungssystem Niedersachsens halten Sie für dringend notwendig – besonders im ländlichen Raum wie dem Emsland?

Unser Bildungssystem verfällt auf ganzer Linie. Immer mehr Schüler und Lehrer machen Gewalterfahrungen in der Schule. Das Bildungsniveau sinkt, die Zahl der Schulabbrecher steigt. Gleichzeitig werden Leistungsbereitschaft und Leistungsvermögen der Absolventen immer schlechter. Wir brauchen eine grundlegende Reform, die traditionelle Werte, Lernformen und Lernziele wieder in den Mittelpunkt stellt. Auch der zunehmende Trend zur Einheitsschule muss dringend gestoppt werden, denn diese kann niemals jedem Schüler gerecht werden.
Um auf den ländlichen Raum zu sprechen zu kommen: Förderschulen und kleine Grundschulen sind dringend zu erhalten, auch wenn es vordergründig eventuell mehr Ressourcen verbraucht. Gerade Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf und auch unsere jüngsten Schüler allgemein brauchen überschaubare kleine Schulen, in denen sich persönliche Beziehungen aufbauen lassen zu Lehrern wie Mitschülern. Das bringt die notwendige Sicherheit, damit Lernen gelingen kann.

Zum Schluss muss ich noch sagen, dass der Doc sich mit allerlei Vieh auskennt. Jedes hat eine Wahrnehmung für sich selbst, welche nicht selten sehr selektiv ist. Das ist jedoch gewöhnlicherweise einfacher einzuschätzen, als es bei Menschen der Fall ist. Und frei nach James White stelle ich mir die Frage, wie der Titel „der Tierarzt und das liebe Vieh“ hieße, wenn der Titel Bezug auf Menschen ziehen würde. Das überlasse ich heute einmal anderen.

Herr Dr. Kerzel, ich bedanke mich für die Zeit. A. T. L.

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